Überflug mit Überschall – Von Stornoway nach Kinlochbervie

Nach zwei Nächten im Hafen von Stornoway geht es weiter in Richtung Norden.

Der Wetterbericht kündigt für den Abend einen Sturm mit 40 kn bis zu Orkanstärken an, der sich über den Tag langsam aufbauen wird. Wir legen um 10 Uhr ab und wollen versuchen noch vor dem stürmischen Abend wieder in einem Hafen festgemacht zu haben.

Wir setzen recht schnell die Segel. Der Wind kommt aus Süd-West. Für uns die richtige Richtung. Allerdings ist er schon so stark, dass der Skipper nur die Fock an den Start bringen lässt.

Es wird gekurbelt und gezogen und ab geht der Dampfer. Wir starten mit ca. 14 kn Wind und liegen bereits 30 min später bei 20 kn Wind. Und so wird es weitergehen.

Über 50 Seemeilen und ca. 7 Stunden Fahrt liegen vor uns. Die Wellen haben Anfangs noch eine Höhe von vielleicht 1 – 2 Metern. Angenehm, sagen wir uns. Die Sonne scheint hin und wieder es regnet nicht. Angenehm.

Wir bemerken natürlich, dass die Wellen und die Böen das Boot immer mal wieder ordentlich auf die Backe legen. Die Fenster in der Messe dienen bereits zur besten Unterwasserbetrachtung in diesen Momenten. Das Boot fährt Fahrstuhl. Auf und ab. Irgend jemand muss sich an die Schalter gelehnt haben?

Noch filmen wir das Spektakel und versuchen festzuhalten, was man ohnehin nicht digital einfangen und transportieren kann. Den Kameras fehlt einfach das räumliche Sehen.

Der Käptn hatte vor ca. 2 Stunden den Kurs eingegeben und den Autopiloten eingestellt. Der Automat hat sichtlich und spürbar zu tun das Boot im Tanz mit den immer höher werdenden Wellen aufrecht zu halten. In den Momenten wenn das Boot sich auf die Seite haut schauen alle unweigerlich den Käptn an. Ein Kontrollblick in der Angst. Ist noch alles in Ordnung? Ist das normal? Aber unser Skipper schaut wie ein Cowboy und bleibt cool. Das beruhigt uns natürlich. Ich frage mich, ob sein Gesichtsausdruck für uns wirklich eine reale Einschätzung der Situation sein kann. Er weiß doch, dass ihn alle anstarren wie Kaninchen vor der Schlange. Er wird den Teufel tun uns zu beunruhigen. Er ist doch Profi. Aber egal. Man hält sich an jedem Strohhalm fest, auch wenn er brüchig ist. In diesem Moment, wo ich das denke schlägt das Boot auf die Seite und eine Riesenwelle bringt den Automaten an seine Grenzen. Der Skipper muss eingreifen und schnell selbst ans Ruder. Das ist leichter gesagt als getan. Der Skipper saß in dieser Sekunde in der Mitte der Rückbank am Heck. Das Ruder, welches er bedienen möchte liegt Steuerbord. Das Boot kränkt nach Backbord und die Schwerkraft tut das ihrige. Der Skipper muss den Berg hinauf und wird dabei 2mal zurückgeworfen bis er endlich das scheiß Ruder zu fassen kriegt und sich selbst in stabile Sitzposition bringen kann. Nun steuert er. Noch immer liegen wir auf der Seite und kurven in einem Affenzahn durch die Welle. Der Skipper sitz wie in einem offenen Rennwagen, der sich gerade in eine Kurve legt hinterm Steuer und kann das Boot nach ca. 20 Sekunden (gefühlt 1 min) wieder stabilisieren. Nun haben die Wellen eine Höhe von 4 Metern und der Wind liegt schon längst über 30 kn. Unsere Spitzengeschwindigkeit liegt bei 11,5 kn und wir haben nur die Fock draußen. Ich habe Angst und verfalle ab jetzt in eine Art Zitterkrampf, der meinen Körper die nächsten 2 Stunden nicht mehr loslassen wird. Ich bin nicht segelerfahren genug, um diese Situation und Wetterlage einzuschätzen. Ist es gefährlich oder nicht? Niemand wird es mir jetzt beantworten.

Kai schaut liebevoll zu mir und hält leise meine Hand. Ich rede nicht, aber ihm sage ich, dass ich jetzt Angst habe. „Alles gut Momo“, sagt er. Katharina sitzt neben mir und ist in einem ähnlichen Zustand wie ich. Wenn ich mich zu ihr umdrehe streiche ich ihr übers Bein, um sie zu beruhigen, denn sie tut ihre Angst laut kund. So ist es mit jedem. Alle sind in Anspannung und gleichzeitig dabei den anderen neben sich zu beruhigen. Wolfgang steht still, ganz bei sich unter Deck in der Messe und isst eine Banane. Eine Konfliktbanane. Jeder hat seinen eigenen Weg Gefahr zu kompensieren. Kai schlägt vor sich über profane Dinge zu unterhalten. Der erste Sex oder das erste verlassen werden. Ein Tool, welches er und Arta aus genau diesem Grund auf der ersten Mangan-Expedition an den Nanga Parbat an den Start brachten, als sie mit einem sportlichen Fahrer, in einem rostigen Jeep auf einer 1,5 Meter Piste an einem Abgrund von 1000 Metern in überhöhter Geschwindigkeit den Berg hoch bretterten und nur noch Gott ein Unglück verhindern konnte. Dietmar steigt auf sein Angebot ein und es fliegen bizarre Geschichten durch die Plicht.

Von nun an werden wir regelmäßig und stärker in die Wellen gelegt. Der Skipper hält sich mit einer Hand an der Reling fest, um nicht nach Backbord zu rutschen, in der anderen hält er das Steuerrad und fliegt mit uns gen Nord-Osten. Alle müssen jetzt ernsthaft aufpassen nicht von Bord zugehen. Der Wind und die Böen sind für uns heftig und die Wellen nehmen an Höhe weiter zu.

Dann tauchen unserer Freunde neben dem Boot auf. Delphine haben Spaß bei diesem Wellengang und surfen auf den Wellenkränzen ab.

Katharina wünschte sich seit ihrer Kindheit Delphine oder Wale zu sehen. Dieses Geschenk wurde ihr in den letzten Tagen ja schon reichlich erfüllt, was aber nicht bedeutet dass es genug ist. Als sie hört „Delphine!“, löst sie ihre Anspannung und stürzt auf den Bauch liegend an die Reling Backbord!!! Keine Angst mehr. Nur die Delphine sehen. Ich versuche sie noch zu halten an den Beinen. Sie bemerkt es nicht. Ich freue mich über ihre kindliche Begeisterung. Später wird der Käptn zu Katharina sagen, dass er die Delphine für sie gerufen hat, damit sie sich entspannen kann.

Wir haben nun einen Wind von 40 kn und eine Welle von mindestens 5 Metern. Ganze Berge türmen sich auf und schlagen auch das ein oder andere mal ins Boot ein. So große Wellen habe ich noch nie live erlebt. Die Natur ist ein Wunder.

Der Skipper ist nach wie vor konzentriert aber nicht angespannt. Für ihn ist dieses Manöver eine Herausforderung aber kein Grenzgang. Für uns noch nicht so richtig in Worte zu fassen.

Dennoch lässt er nun die Fock auf halb setzen. O-Ton Skipper: „Man muss ja nicht mit so viel Krawall reisen.“

Noch zwei Stunden bis zu unserem sicheren Hafen. Irgendwie durchhalten. Innerlich funke ich die Delphine an, sie mögen uns sicher in den Hafen geleiten. Und tatsächlich lassen sie sich noch einmal blicken. 5-6 Delphine die nun ein Stück mit uns mit schwimmen. Ich sende ihnen einen stummen Dank und habe das Gefühl, dass alles gut wird.

Vor uns liegt der Fjord vor Kinlochbervie den wir nun nehmen werden um in den Hafen zu kommen. Der Skipper lässt die Fock einholen und wir fahren nun unter Motor und Sturm in den Fjord ein. Der Wind drückt mächtig. Es ist Ebbe und aus dem Hafenbuch nicht klar zu entnehmen, ob man in die Hafeneinfahrt mit einen Tiefgang von 2,5 Meter bei Ebbe einfahren kann. Wolfgang ruft den Hafenmeister an. Er gibt grünes Licht und wir fahren ein. Ein Fischereihafen der ganz Schottland mit Fisch beliefert. Ein großer Fischereibetrieb direkt im Hafen und ein kleiner Schwimmsteg für Gäste. Eine Anlegestelle ist noch frei. Die nehmen wir. Machen fest und sturmsicher. Nun kann er kommen, der Wetterteufel.

Die Erschöpfung macht uns alle etwas stumm an diesem Abend. Die Künstler werden an diesem Tag nicht mehr so viel sagen. Einfach nur essen und schlafen ist der Wunsch aller. Der Skipper, dem wir mehr als dankbar sind für seine Kraft und sein Können, spricht seinen Stolz auch uns gegenüber aus. „Das habt ihr gut gemacht.“

Hier bleiben wir zwei Nächte und wettern ab. Für Samstag ist wieder besseres Wetter angesagt. Der nächste Schlag bringt uns in den Nord-Osten Schottlands. Nach Thurso.

Rally West Schottland

Käptn Kney und die Rally West Schottland

Gepostet von Mangan25 am Freitag, 11. August 2017

Die Expedition

Schottland 2017

Paradigma – Rund Schottland   Noch starrt das Land von fremden Zentnermassen. Wer gibt Erklärung solcher Schleudermacht? Der Philosoph, er weiß es nicht zu fassen. Da liegt der Fels, man muß ihn liegen lassen. Zuschanden haben wir uns schon gedacht. (Aus „Faust 2“ von Johann Wolfgang von Goethe) Im Jahr 1840 durchstreift Louis Agassiz

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Expeditionsblog

Expeditionsteilnehmer

Peter Adler
(Maler/Bildhauer)

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(Schauspielerin/Sängerin)

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(Schauspielerin)

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(Historikerin)

Thomas Kney
(Skipper)

Das Expeditionsrouting

Die Künstler von Mangan25 begaben sich im August 2017 für ein Radiofeature auf Spurensuche. Mit einer Segelyacht sollte das Thema reisend eingekreist und untersucht werden. Rund Schottland hieß der Kurs und führte die Reisenden einmal rund um Schottlands Küsten.

Glasgow → Oban → Tobermory → Dunvegan →  Stornoway → Kinlochbervie → Thurso → Stromness → Wick → Helmsdale → Inverness → Loch Ness → Banavie → Iona → Tobermory → Oban → Glasgow

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