Wittgenstein und die Hosenboje

„Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“, heißt es bei Wittgenstein. Vor dem Hintergrund dieses Diktums gerät das Bloggen hier auf den Orkneys in Stromness schon ein wenig schwierig. Denn eigentlich wird unsere Welt auf diesem Törn mit jedem Tag größer – und mir fehlt tatsächlich manchmal die Sprache, um sie zu beSchreiben, diese wunderbare Welt … Bin doch kein Synästheth …!!!?

Heute morgen werden wir also in Stromness wach. Von Süd bläst ein strammer Wind in den Hafen und zupft auf der Äolsharfe der Leinen und Wanten der Raphy G langgezogene, dissonant – melodische Akkorde … ich bin schon ruppiger geweckt worden, in Berlin, vom orangen Rumpelorchester der BSG; Solo für Müllcontainer im glissando auf Kopfsteinpflaster morgens um sechse …: – vielleicht isses ja genau umgekehrt – man wird so geweckt, wie man geschlafen hat? – Man weiß so wenig! Ich hab jedenfalls wunderbar geschlafen in der ersten Nacht auf den Orkneys …!

Stromness existiert hier auf den Orkney – Inseln vor der Nordküste Schottlands schon seit ewigen Wikinger – Zeiten als Hafen und Fischer – und Walfängerstädtchen; Darwin und die Beagle und John Franklin mit der Terror und der Erebus haben hier an einer Quelle Wasser für ihre Fahrten aufgenommen; an jedem 2. Haus in der Altstadt erzählt eine runde Plakette eine andere historische Geschichte um klangvolle Namen; im Stromness Museum erfahren wir von der Existenz der Hosenboje… und auf dem Grund der nahegelegenen Bucht von Scapa Flow liegen heute noch die Reste der deutsche Kriegsflotte, die sich 1919 hier selbst versenkte … allesamt Geschichte(n), die man überall lesen / hören / sehen kann – ausführlich …

Das Folgende allerdings ist unsere / meine ganz persönliche Stromness Experience: und die gibt´s nur hier:
Wir machen am frühen SonntagNachmmittag in Stromness fest. War n kurzer Schlag diesmal – ca. 30 Seemeilen von Scrabster rüber auf die Orkneys. Hier scheint tatsächlich mal die Sonne, fast hat man das Gefühl, es sei Sommer – mitten im August !!!? Die Stimmung stimmt jedenfalls. Und gleich machen Katha und ich uns auf, die im Reiseführer angepriesene Altstadt zu erkunden. Ich natürlich nicht ohne die üblichen Präliminarien: Nehme ich die Kamera mit?; laß ich sie an Bord und kucke erstmal nur mit leichtem Gepäck, wo ich später nochmal hingehe ?; etc. pp. … ohne Kamera geht er also los: der Reigen von Begegnungen mit Orcadians (so heißen die Bewohner der Orkney – Inseln offiziell …):

Gleich vor dem Fähr–Terminal z. B. habe ich den Eindruck, wir seien in die Dreharbeiten zur 8. Staffel von Game of Thrones geraten: der ausgemergelte, wettergegerbte Freak im grünen Tartan und kurzen Schottenrock, der uns hier entgegenkommt, mit im Gegenlicht flammendem Haarschopf, der ihm wirr vom Kopf absteht und beinah jesusmäßig strahlt, ist entweder der einzige Junkie der Inseln, oder er kommt von jenseits der Mauer und wenn man genau hinschaut, leuchten seine Augen eisig blau … Und irgendwie ignorieren die anderen Fährgäste, die auf den Wartebänken hocken, ihn; oder sehen nur wir den … ? Man weiß so wenig …
Wir laufen verzaubert die Haupstraße ab, hin und zurück, auch durch den Khyber–Pass, und natürlich ärgere ich mich, daß ich die Kamera an Bord gelassen habe, denn Stromness und seine Gassen und Gärten voller Fuchsien präsentieren sich in atemberaubendem Licht. Also retour und doch die Technik geholt, bevor die Sonne und das Licht hinter den Hügeln über Stromness verschwinden. Und auf dem Rückweg kommt mir in dieser kantig-verwinkelten, schieferfarbenen, wie von Feininger entworfenen Kulisse ein gehetzter fremder Mann entgegen. Ein grauer Leisure-Suit-Larry mit verschwitztem, birnenförmigen Gesicht – oben schmal, die Kieferpartie seltsam breit, die Stirn unter dem Seitenscheitel verschwitzt, irgendwie freundlich, irgendwie aufgelöst. In der Hand hält er ein weißes Bündel. Steht vor mir und klagt: „My cat should stop bringing me that!“ – „Meine Katze sollte damit aufhören ..“, und öffnet das Bündel auf seiner Faust und darin liegt ein regloser kleiner Vogel. Ich sage verlegen, naja, vielleicht tut Ihre Katze das ja, weil sie Sie liebt, und er versteht das schon, – ich sehe, wir sind uns einig – er mault aber trotzdem mit miesepetrig-gequältem Gesicht: „She should stop that …“ und eilt weiter; vielleicht gibt es hier eine Beschwerdestelle für solche Fälle, von der wir als Fremde nichts ahnen … Man weiß so wenig …! Eine Szene wie aus einem kafkaesken Traum, inszeniert von Murnau … unvergeßlich …

Und auch dies hier erzählt vielleicht mehr über Stromness und das Leben auf den Orkneys, als jedes Foto oder jede Reportage …:
Im Stromness Museum stoße ich auf einen Flyer, mit dem eine Gesellschaft der Wolkenfreunde – oder so ähnlich – einen Wettbewerb ausruft: wer von April 2017 bis April 2018 das schönste Foto von Wolken über Stromness einschickt, kann irgendwas gewinnen, was, weiß ich nicht mehr genau; ein Jahr lang auf der Suche nach der schönsten Wolke als Hans-guck-in-die-Luft rumzulaufen, ist wahrscheinlich schon Preis genug …

 

1 Kommentar zu „Wittgenstein und die Hosenboje“

Kommentarfunktion geschlossen.

Scroll to Top