Trudeau und kleine schwarze Kästchen

Seltsam ist das. Da plant man vor der Reise minutiös, welche Technik man mitnimmt und wann man was einsetzen will, freut sich als großer Liebhaber der kleinen schwarzen Kästchen (Digitaltechnik in jeglicher Form, vornehmlich und vor Allem optisches Gerät …) auf den Einsatz der neuen Actioncam, ist beim Packen begeistert von der Tatsache, daß alles, von dem man meint, man bräuchte es, um die Reise und alle Eindrücke auf die man trifft/die einen treffen, einzufangen, abzubilden und im Faust´schen Sinne festzuhalten, mittlerweile ins Handgepäck passt … und dann segelt man mit majestätischen 8 Knoten an den Klippen der Isle of Skye entlang, und der Fels glüht in der Abendsonne und man weiß … dies Bild ist mehr als Nervenreiz auf der Netzhaut, da ist so viel mehr im Spiel als Pixel und 5Punkt1 – Sound später im Heimkino … Das geht tiefer, beißt sich fest, die Empfindung läßt sich nicht in Bild – oder Tondateien reproduzieren. Die besten Bilder schießen Kopf und Herz, und die liefern den emotionalen, akustischen, olfaktorischen (ja, an Bord auch oft den!) Untertitel mit und die Seele schreibts dann auf … Versuchen wirs mal hiermit …:

Wir sitzen zu dritt in einem gemütlichen Pub in Stornoway auf der Insel Lewis und Harris auf den äußeren Hebriden. Mittags. Aber hier gibt’s einfach so ein sahniges CraftBeer aus Dunbar … Im Schankraum – sehr dunkel gehalten, mit ledergpolsterten Eckbänken – ist nicht viel Betrieb, wir bestellen unsere Getränke, setzen uns in eine der Ecken und beobachten die Handvoll patrons an der Bar: Eine aufgedonnerte Vollschlanke im blauen Seidenkleid und mit langem schwarzgefärbtem Haupthaar thront dort und hält lauthals Hof. Sie ist aus Kanada, stellt sich heraus und nimmt hier an irgendeinem Kurs auf Castle Stornaway teil (?!); um sie herum drei, vier Hafenarbeiter in Overalls und mit breit- lauerndem kariösen Grinsen zwischen den großen Schlucken aus ihren Pint-Gläsern … Vielleicht geht da ja was??! Die Kanadierin ist schon nicht mehr ganz nüchtern und sowieso nicht mehr die Frischeste. Sie diskutiert mit einem baumlangen BasecapTräger, der sich nach dem Weg irgendwohin erkundigt und von ihr sofort als Amerikaner identifiziert wird. „D.C.“, gibt er zu, sie johlt auf: „Then we have the more beautiful president; we´ve got Trudeau !!!“, die Hafenratten johlen, der Ami retourniert routiniert: „Yeah, you´ve got a model, we´ve got an idiot“, die Bar tobt, die Dicke kriegt sich garnicht mehr ein über Justin Trudeau´s geföhnte DeckHaar-Pracht, kippt fast vom Hocker … und in all dem Trubel, all dem oberflächlichen Gegacker hat niemand gemerkt, wie er die Kneipe betreten hat. Er sitzt auf einmal einfach da im diffusen Gegenlicht, allein am Tisch neben der Tür, ein starkknochiger, graphitfarbener Mann mittleren Alters mit gutmütigem beinah einfältigem Gesicht, in einfacher, ärmlicher Kleidung, mit klobigen Schuhen, einem dichten, grauen Haarkranz und mit Händen wie Spatenblättern. Links und rechts neben ihm auf der Bank stehen 2 halbgefüllte Plastiktüten, vielleicht der Einkauf für die nächste Woche. Vor sich auf dem Tisch hat er eine Dose EnergyDrink in Orange und ein Glas Whisky. Abwechselnd trinkt er bedächtig von beidem. Und mit einem unendlich traurigen, aber gleichzeitig intensiv-wachen Blick beobachtet er das Treiben am Tresen. Einer, der nie dazugehört hat, stelle ich mir vor, einer der schon als Kind in der Schule immer allein in der letzten Reihe gesessen, sein Leben allein gemeistert hat mit zerknitterten, stoischem Gleichmut, aber akribischer Neugier auf das Leben – immer hier, auf den kargen Hebriden … Eine Sturzflut von Bildern, eine ganze Biografie stürmt auf mich ein – was für ein wunderbares PorträtMotiv wäre dieser einsame Trinker, in HochkontrastSchwarzWeiß, aber ich habe das Gefühl, ein Foto würde diesem Moment nicht gerecht, also: Muß ichs aufschreiben. Seltsam ist das – aber ungeheuer inspirierend … und vielleicht trau ich mich ja – vielleicht lass ich die kleinen schwarzen TechnikKästchen auf dieser Reise einfach mal weg … (von Wolfgang Wagner)

1 Kommentar zu „Trudeau und kleine schwarze Kästchen“

  1. Arta Adler

    Es scheint, als würden Euch die Wetter des Atlantik einschwingen auf EINE Sprache. Eure Worte werden gleichwohl Bilder, nicht auszuloten, wer von Euch sie schrieb. So ist das Paradigma also schon IN Euch temporärer Gemeinschaft. Wunderbare Stimmungen mäandern auf den Kontinent. Lasst Euch weiter leiten von den animalischen Begleitern und grüßt sie mir ALLE!

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