TAG 3 und 4 – Das koloniale Gedächtnis

Wilson, unser Butler eilt heran, um uns das große, grüne Tor zu unerer Villa in Nuwara Eliya zu öffnen. Er lässt es etwas an Form missen, keine Livreé, kein Pinguinkostüm, kein würdevolles Gestelze und Geräusper. Wilson trägt alte Jeans und T-Shirt, hat fröhliche Augen und eilt emsig zu unseren Koffern im schon offenen Van, um sie in das zweistöckige, geräumige Anwesen zu hucken. Wir bedeuten ihm, dass wir das selber tragen. Er lässt das nicht gelten. Das wären doch nun mal seine Aufgaben. Kaum im Haus, ganz Majordomus, checkt er, ob Maria, unsere neue Köchin, hoffentlich schon in voller Geschäftigkeit, mit dem Geschirre für die Teatime eben in time liegt. 

Wir kennen das von Pakistan, wo unsere engsten Guides sich weigerten mit uns an einem Tisch zu essen, sondern später und mit respektvollen Abstand zum white master deren Reste speisten. Das ganze mutete erstmal schauderhaft an, denn wir hatten ja bloß Guides und Koch und haben hier Haus und Köchin gebucht und wollten ganz sicher nicht den alten kolonialen Irrsinn pflegen. Ich darf kurz erwähnen, dass das alles beschämend günstig zu haben ist. Aber wie damals in Pakistan so auch hier mischt man sich besser nicht ein. Es hat sich zu sehr in das hiesige Verständnis von Fremdenverkehr transformiert, als dass der Weiße erneut diktieren sollte, wie man was macht, und was nicht nötig ist. Für Wilson ist das ein wichtiger Job, der so gut wie möglich erledigt werden muss, auch wenn das Gute dabei aus alten Knechtungs – und Unterwerfungsritualen besteht. Wer weiß, wie Wilson wirklich heißt. Er sieht eher tamilisch aus und der Name ist gewiss Maskerade.

Nach dem wunderbaren Essen, dass Maria gezaubert hat, resümieren wir im Salon den gestrigen Tag, in dem wir uns Hesses Erinnerungen an Kandy vorlesen und ventilieren.

Gestern waren wir seiner nächsten Spur gefolgt. Und wie so oft, bringt das Spurenfolgen das nötige Glück und auch historisches Verständnis. War Hesse, aus Kandy kommend, noch durch eine wollüstig dampfende Tropenschlucht zum breiten Strome Mahawelli gestiegen, donnerten wir mit zwei Tuktuks durch heftigen Verkehrsbrei und tausend Straßenbuden (bei denen niemals je ein Käufer zu sehen ist) über eine große Brücke über den nach wie vor malerischen, doch reißenden Strom. Für Hesse stand ein Fährmann bereit, der ihn sicher später für Siddarthas Fährmann Inspiration gewesen sein mag. Unser nun bald gemeinsamer Weg führte an Dörfern entlang zwei Meilen hinauf auf einen Berg, wo das älteste und wie Hesse schreibt, wichtigste Heiligtum Ceylons liegt, ein kleines Felsenkloster. Wir sind sehr glücklich, dass sich auch nach hundert Jahren nichts geändert hat, kein Tourist, keine schauderhafte Verwertungsmaschine hat sich diesem wunderbaren Ort angenommen. Aus dem Vorraum vernehmen wir Gebete und können ein paar Einheimische beim buddhistischen Gottesdienst beobachten. Dass dies ein Widerspruch in sich ist, hat Hesse mehr als erregt. Wie konnten Buddhas tiefe Einsichten zu einer Lehre mit Ritus verkommen? Doch hier ist alles ganz schlicht und sanftmütig. Als die Pilger in ihren Bus verschwinden, funkeln uns die Augen des Mönches vom Dienst neugierig an. Wir sprechen miteinander, doch unsere Sprachen können einander nicht verstehen. Auch englisch ist keine Option. Im orangenen Gewandt, Buddha selbst nicht unähnlich, bittet uns der Mönch immer wieder schlangenlinienförmig kopfwackelnd in den eigentlichen Felsen. Im ersten Raum uralte Felsmalereien, der Lebensweg Buddhas, dann eine goldene Tür, die er ehrfürchtig öffnet. Der ganze Raum ist aus dem Felsen herausgeschlagen und in einer Länge von 13 Metern liegt ein schlafender Buddha riesenhaft vor uns. Er nimmt die gesamte Höhle ein und wenn er, wie Hesse schreibt, aufstehen würde, täte wohl die Höhle einstürzen. Ein beeindruckendes Sinnbild, nicht nur der Schönheit wegen.

Heute ging es von Kandy über den Ramboda-Pass über 2000m nach Nuwera Eliya. Arta sagt, dass ihr die wundervolle Gebirgswelt dennoch heimisch vorkam. Wir kommen schnell darauf, woran das lag. Die vielen Teeplantagen ordnen den Dschungel, geben der prächtigen Kulisse Struktur und gerades untropisches Linienwerk, ganz wie zu Hause eben, wo es kaum Wald gibt, sondern eben Baumplantagen. Die Engländer haben sich hier ihr Little England gebaut und es atmet heute noch den Geist Albions. Die Ortsmarken heißen plötzlich Glenloch, Kilani und Rothchild. Hesse meinte, der Engländer sei der einzige Kolonist, der sich draußen in der Welt zumindest der Form halber nicht blamiert. Man kann das heute noch sehen. Auch die großen Landschaftsparks, die die Engländer hier anlegen lassen haben, stehen noch in Pracht. Dennoch überformt sich natürlich längst alles wieder mit den einheimischen uralten Pflanzen und Ideen von Schmuck und Architektur. So ergeht es sicher auch den Dogmas der Religionen. Und nur die überleben, die sich als anpassungsfähig erweisen. Der Buddhismus hier bietet Schauplatz für immer neue Mixturen animistischer Erzählungen, Drachen und Shiwa, Uppanishaden und Opferkult. 

Der religiöse Nukleus selbst mag einen kolonialistischen Charackter haben, überwandt er doch mühelos politische Grenzen, eroberte halbe Kontinente und nahm sie dauerhaft prägend unter zeitweilige geistige Herrschaft. Hesse sah all das und resümierte in der Höhle des Buddhas: „Wir sind weit gekommen, und es ist schön, daß wir, ein kleiner, winziger Teil der Menschheit, diese beiden nicht mehr unbedingt brauchen, den blutigen Kruzifix nicht und nicht den glatt lächelnden Buddha. Wir wollen sie und andere Götter auch weiter überwinden und entbehren lernen. Aber schön wäre es, wenn einst unsere Kinder, die ohne Götter aufgewachsen sind, wieder den Mut und die Freudigkeit und den Schwung der Seele fänden, so klare, große, eindeutige Denkmäler und Symbole ihres Innern zu errichten.“  

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