Tag 2 – Der asiatische Wirbel

Der Balturo-Gletscher ist der längste Gletscher der Welt. Gute achtzig, mühseelige Kilometer liegen vor uns. Allein der Anmarsch zum Cocordia-Platz, dort wo der K2, der Broadpeak, die Gasherbrums uns erwarten, wid uns sieben Tage kosten. Tage voller atemberaubender Ausblicke, voller grausiger Plackerei. Hermann Buhl wußte, dass sein Weg ein neuer Weg sein würde, ein Weg der Befreiung, weg von den vor Nationalismus triefenden Großexpeditionen mit dreißig und mehr Trägern, weg von der soldatischen Eroberungshaltung, einen Berg zu besiegen, eine Flagge fürs Vaterland auf einen unbestiegenen Gipfel zu rammen. Rübe unser Maler scheint wie immer keinerlei Atemnot zu kennen. Stop. 

So oder so ähnlich hätte es klingen können, wenn wir unsere Pläne nicht vor zwei Jahren geändert hätten. Für das „Nomadische Gen“, unser Langzeitfilmprojekt sollte die tragische Geschichte von Hermann Buhl, dem Erstbesteiger des Nanga Panga das Schlußkapitel bilden. Dort wo auch der Anfang unser eigenen Geschichte liegt, mit unserer ersten Expedition vor fünfzehn Jahren zum deutschen Schicksalsberg. „Das Nomadische Gen“ erzählt in fünf Hauptkapiteln den immerwährenden Drang des Menschen hinaus ins Unbekannte, eine Fähigkeit, die ihn weit gebracht hat, ein Potential, was uns bis heute beseelt. Doch über die Jahre war mir Buhls Geschichte selbstverständlich spektakulär und bahnbrechend im Bewußtsein geblieben, aber mir fehlte etwas im Film, was die anderen Charaktere wie Leichhardt, Hermann Lehmann, Hermann Detzner, Henno Martin und Hermann Korn noch nicht ausfüllten. Es war das, was wir etwas unbeholfen Spiritualität nennen, oder die geheimnisvolle und unergründliche Geistigkeit, auf der unser gesamtes Denken beruht.

Eher by the way hatte ich einmal Hermann Hesses Notizen seiner Asienreise gelesen. Kein sensationelles, aber akribisches Dokument seiner Reise von 1912 nach Asien. Er sah Malaysia, Sumatra, Singapur und am Ende Sri Lanka. Ebendort eher vom Pech verfolgt, genaugenommen von Diarrhö heimgesucht, schaute er sich um und ging auf Tuchfühlung mit dem ihm, Zeit seines Lebens so wichtigen Buddhismus. 

Eines meiner mich prägendsten Bücher war sein Siddhartha und plötzlich wußte ich, dass Hesses Unternehmen vor allem ein Diskurs der geistigen Möglichkeiten, ein Brückenbauen zwischen den so unterschiedlichen Weltensichten war, ja dass seine / Siddharthas Reise eine nicht endende, aber so eindrucksvolle war, die auch das Thema unseres Filmes mehr als berührte. Und so kam es, dass wir das Kapitel Buhl mit dem Kapitel Hesse/Siddhartha auswechselten und uns nun im tropischen Kandy wiedergefunden haben.

Ein kleiner asiatischer Wirbel, ein turnaround, ein einfacher Rittberger, um über mehr zu reden, als Abenteuer, Selbstkasteiung und der Beginn der Outdoor-Befreiungs-Bewegung.

Nach einem zehnstündigen Flug hatten wir gestern Colombo erreicht, die Hauptstadt Sri Lankas, waren routiniert in unseren Mietwagen gestiegen, um die kleine Strecke von 120km nach Kandy in Angriff zu nehmen. Nix wildes, dachten wir. 

Doch der Strudel eines asiatischen Verkehrsnebels sollte uns bald Buddhas Walzer zu tanzen lehren. Folgende Tanzpartner kommen hierbei auf die immer schmale Tanzfläche: LKWs, Tuktuks, PKWs, Mopeds zahlos, Busse, Busse, Busse, Hunde, Menschen und Fahrradfahrer. Das alles in einem immer neuen choreografischen Wahnsinswirbel. Und dazwischen der tapfere deutsche Automobilist. Es ist als wolle man mit einer überladenen Schubkarre voll Mörtel in einem Schwarm Eiderenten mitfliegen. Die Räume, die der Eingeborene hier für befahrbar hält, sind schmal und bergen viele Überraschungen. Versucht man, der Sicherheit wegen, nur im Strom mitzuschwimmen, wird man links und rechts von allen benannten Verkehrspartnern überholt, abgedrängt, weghupt. Dann kommen auf schmaler Piste zwei Busse auf einen zu. Es ist klar, dass es jetzt Zeit wäre das Videospiel auszumachen. Man geht in die Eisen, sucht sein Heil in der äußersten Ecke vorm Abhang und siehe da, alles hat doch noch gut gepasst. Alle überholen einander, ständig, vor Kurven, vor Anstiegen, besonders gern, wenn man nichts sieht und dennoch knallt es nirgends. Von links und rechts speien die kleinen Rumpelpisten zahllose Tuktuks in den Verkehrsbrei und ohne Hupe wären die Einheimischen wahrscheinlich schon an Langeweile gestorben. Es sind die selben Singalesen, die heute sich im Tempel verbeugen, Lotusblumen niederlegen und sich anmutig durch die uralten Baulichkeiten schaufeln. Was ist hier los? Wo wollen sie alle hin, warum wollen sie ein paar Minuten Vorsprung erkämpfen, wo das Nirvana ohnehin im NoGo liegt, im Loslassen, im den anderen Sein lassen, sich selbst nicht mal mehr lassen. Und wieso hat die Straße nie ein schaubares Schlupfloch für echte Natur? Wer braucht eine 120km lange Einkaufstraße? Wovon leben all die Menschen? Wir verstehen das alles eher nicht. Auch wenn der Walzer nach Kandy ganze fünf Stunden in Anpruch nehmen wird, immer wieder auch Trance erzeugt, den man nicht gebrauchen kann, wenn einem ein LKW nach links drängt, wo zwei Kinder winken, eine blinde Oma Ausschau hält und ein Hund auf den Schotter scheißt. Dammich! Was haben die Leute hier vor hundert Jahren gemacht, als es den Tanz mit der Maschine noch nicht gab? 

Hesse fuhr mit der Eisenbahn. Das werden wir übermorgen auch einmal versuchen. Sein Besuch im Zahntempel von Kandy, dort wo ein Eckzahn Buddhas als Reliquie aufbewahrt ist, haben wir ebenso wie er mit viel Neugier und allerlei Abneigung genossen. Pilger, Touristen, angekettete Elefanten, goldener Pomp und Mummenschanz um Ideen eines Weisen, der diesen Unsinn mehr als nur verlacht hätte. Das hat sich sicher noch verzehnfacht seit Hesses Visite. Aber es erzählt auch seine Auseinandersetzung, die letztlich zu Siddhartha führt. Die ganze sinnlose esoterische Inkontinenz, deren die Massen offenbar so bedürfen. Es war ein gedrängter aufgeladener Tag gestern wie heute. Asien tanzt und wir sind noch etwas eingerostet. Gott sei dank, blieb uns bisher Hesses Durchfall erspart. Das liegt aber auch an  Pushba, unserer Köchin, die uns zweimal am Tag fantastisch bekocht und in unserem altenglischen Bungalow am Kandy-Lake mitten in Dowtntown der alten Königsmetropole mit wundersamsten kulinarischen Genüssen und Gerüchen verwöhnt. So kann es durchaus weitergehen. Wir werden schon noch in den Groove kommen. 

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