Tag 19 – Das ganze Tun  der glorreichen Vier

Okay liebe Freunde des Blogs. Jetzt mag ich mal ein paar Worte zu unserem Vorhaben hier erzählen. Seit sechs Tagen also haben wir das Thema gewechselt. Von der Geschichte von Christian Prieber bei den Cherokee zu Hermann Lehmann bei den Apachen und Comanchen. Wir haben verschiedene Arbeitsziele, die wir seit knapp drei Wochen verfolgen. Zum einem wird für den Hessischen Rundfunk ein Feature über das Schicksal von Christian Prieber und für den rbb ein Hörspiel über das verrückte Leben von Hermann Lehmann entstehen. Für Mangan25 drehen wir beide Themen als Film. Eines davon wird Eingang in das große Projekt „Das nomadische Gen“ finden. Das jeweils andere werden wir andersweitig auswerten. Es hängt ab vom Material, was wir nach Hause bringen. Momo und Arta stehen hinter und vor der Kamera, Rübe zeichnet und skizziert und ich besorge die Interviews. Und alle gemeinsam ventilieren wir die beiden Themen, hinterfragen, werten aus.

Der Prieberstoff hat uns reichhaltig beschenkt, vor allem mit Interviews und den schönen Szenerien in North Carolina und Tennessie. Das Hermann-Lehmann-Material ist vor allem bildnerisch sehr schön. Hier tauchen wir mehr in die Landschaft und unsere eigenen Gedanken ein. Wir wollen die Orte erspüren, wo Hermann seine Zeit bei den Apachen und Comanchen verbrachte. Das Powwow in Lawton war sehr beeindruckend, aber auch verstörend. Viele der Nachkommen dieses kriegerischen Stammes würden es heute nicht mehr auf ein Pferd schaffen. Die meisten haben sich in ihrer Leibesfülle den amerikanischen Standards ihrer heute weißen Brüder und Schwestern angeglichen. Fast food, bad food, not good. Die immergleichen Jagdgründe von Walmart und General Dollar, die Hochburgen von Zucker und Fett sind nun auch den Comanchen zur zivilisatorischen Falle geworden. Es gibt in den Ortschaften noch nicht mal Fußwege. Alles wird mit dem Auto erledigt. Selbst Banken verfügen über Drive-thru-Schalter.

Seit einer Woche bewegen wir uns nun durch die Comancheria, dem Wirkungsgebiet der nomadisierenden Comanchen. Die Spanier kannten jenes große Gebiet, was weit mehr als die schiere Unendlicheit Texas umspannte, nur als Apacheria. Die Comanchen drangen aus dem Norden erst im 18.Jahrhundert hier hinein.

Hermann Montechema (Hermann Lehmann)

 

Noch vor einem Monat hatte ich vor allem eine romantische Vorstellung von Hermanns Verwandlung zum nomadisierenden Indianer. Inzwischen hat sich einiges geändert.

Es ist nicht leicht zu begreifen, was damals geschah. Die Comanchen waren brutale Krieger. Ihre permanenten Raubzüge gegen weiße Siedler, wie auch gegen ihre indianische Nachbarn waren gekennzeichent von massiver, schier sinnloser Gewalt, Exzessen, Verstümmelungen, Vergewaltigungen, Mord, Mord, Mord. Mir fiel es zunehmend schwer, das einzuordnen unter Verteidigung, Rache und gerechtem Kampf um ihre Heimat. Das ganze war schlicht zügellose Brutalität in archaistischer Ausprägung. Auf ihren permanenten raids kannten die wilden Krieger keine moralische Schranken. Babys wurden mit Freude erdrosselt, weiße Siedler gevierteilt, die Organe ihnen herausgerissen und in den Mund gestopft. Ich musste akzeptieren, dass die Comanchen wohl heftige Barbaren waren. Und Hermann Lehmann wurde einer von ihren. Inzwischen sehe ich es langsam beinahe als Vorteil, dass die Geschichte nicht so schwarz-weiß ist, wie sie mein Herz sich wünschte. Aber deshalb hatten wir uns ja auf den Weg gemacht, um etwas von der Welt zu verstehen.

 

 

Wir durchfahren den Westen Texas, erreichen New Mexico und  durchqueren das Reservat der Apachen. Auf einem Parkplatz begegnen wir einem betrunkenen Apachen. Er weiß den Weg für all unsere Ziele der nächsten Tage und erzählt viel vom Pferd. So will er für die Army überall auf der Welt gewesen sein. In Amsterdam, im Irak, Iran, Guatemala, in Ägypten usw. Als Hubschrauber-Heckschütze. Es fällt uns schwer, ihm zu glauben und auch ihn wieder loszuwerden. Schließlich verabschieden wir uns und er fragt nach etwas Change. Jetzt verstehen wir den Aufwand seiner Vorstellung. Ein schmaler Dollar wechselt den Besitzer.

Dann geht es weiter nach White Sands. Ein weiße mondgleiche Landschaft. Ein lebensfeindlicher Ort, ein faszinierender Ort. Man wähnt sich in der Arktis und dennoch ist es sehr heiß. Eine Wüste aus Alkali. War dies ein Kraftort für die medicines man der Apachen? Es wäre eine Vermutung. Die weißen Dünen lagen mitten in ihrem Siedlungsgebiet. Es ist wahnsinnig still hier. Alle Sinne wandern nach innen. Genauer werden die Fakten in Hueco Tanks, wo wir heute fest machten. Die uns umgebenden Felsen sind voll mit alten Malereien. Ein Kultort der Apachen. Ob ihn Hermann gesehen hat? Morgen geht es nach Valentine, südöstlich. Dort hatten die Apachen ihr letztes Gefecht geschlagen, bevor es auch für sie ins Reservat ging.