Tag 17 – Tarantel, Klapperschlange und die Pumpgun

Als wir uns 2012 durch die Namib schlugen, war die Landschaft so unwirtlich sie nur sein kann. Ein Mensch hatte dort nur zu ÜBERleben, wenig zu genießen.

Hier im Canyon belohnt die Farbigkeit und die Struktur. Momos Phantasie ist geweckt. Immerwährend entdeckt sie Gesichter, Indianerköpfe, Hakennasen, Hyänen, Zirkuszelte, spanische Röcke.

Die Gefahren dieses Landstrichs hier sind überschaubarer, händelbar, wenn auch im Falle des Falles tödlich, zumindest lebensgefährlich.

Auf unserem Weg zum Lighthouse beeindruckt mich die schwarze Tarantel, die sich uns am Wegesrand in ihrer ganzen Pracht präsentiert, gemächlich neben uns her spazierend. Meine diffuse Spinnenangst, die ich aus Deutschland kenne? Nicht davon! Nur Neugier und Staunen über mein verändertes Schönheitsideal die Achtbeiner betreffend.

Auch weiß ich von einer Texanerin, dass diese großen Spinnen nach dem Regen außerhalb und in der Nähe ihres Erdloches zu finden sind, also auch in unserer Nähe! In der Nacht noch, als ein gewaltiges Gewitter den Canyon heimsucht und uns erschrocken aus dem Schlaf reißt, beginne ich im Halbschlaf finster zu träumen, wie am Morgen zwanzig solcher Arachnoides das Aussteigen aus dem fahrenden Manganhaus verhindern. Die alte Angst…Doch in der morgendlichen Realität? Ein selbstverständliches zielgeführtes Laufen, die Augen nur neugierig nach Taranteln Ausschau haltend. Hier gehört die lang- und vielbeinige Schwarze hin! Nicht ich. Wir sind nur Durchreisende, maximal geduldete Gäste.

Da wir vom Verhalten der Klapperschlangen gelesen hatten, ist uns gewahr – sie warnt bereits, wenn Du sie hörst! Aha! Also machen wir uns ihr bemerkbar, damit das mit so viel mehr und anderen Sinnen ausgestattete Reptil unser „Anklopfen“ nutzen kann zu verschwinden. Wir klatschen in die Hände oder stampfen auch mal mit den Füßen. Als wir sie auf unserem Trail jedoch plötzlich neben uns klappern zu hören glauben, erstarren wir nicht, sondern beeilen uns ihr aus dem Weg zu gehen. Wir verlassen ihr Territorium. Das, wo wir zu Gast nur sind.

Wir achten auf den Weg, den Fels, der überraschend von oben rollend uns erschlagen könnte. Sammeln jede unserer Kippen ein, versuchen keine unnützen Spuren zu hinterlassen.

Eines Abends setzt ein junger Texaner sich zu uns, wie er sagt auf ein Bier, eine Zigarette, ein kurzes Gespräch nach seinem Arbeitstag im Windpark weiter oben. Wir unterbrechen die allabendliche Sichtung des am Tage gewonnenen Materials und wenden uns ihm zu. Er hieße Aron, seine Mutter sei Mexikanerin. Bereits nach kurzer Zeit fragt er, ob wir seine Waffen sehen möchten. Die Männer folgen ihm in seinen neben uns stehenden Wohnwagen, in dem lebt. Momo und ich können sie nicht sehen, jedoch hören wir, wie im Dunkeln eine Waffe durchgeladen wird. Da das begleitende Gespräch zwischen den Männern weiter vor sich hin tröpfelt, machen wir uns keine Sorgen, sind aber neugierig. Peter und Kai stehen vor dem Eingang des Campers mit einer Pumpgun. Aron, zwei Stufen höher, von hinten durch das Innere seiner Behausung beleuchtet, hält ein Sturmgewehr in den Händen und lädt wieder und wieder durch. Eindeutig gewohnheitsmäßig. Er ist stolz auf seine Eisen. Zeigt, wie man anlegt. Simuliert Schüsse mit der Stimme, wie ein Kind. Mit einer echten Waffe in Händen. Er ist uns wohl gesonnen. Trotzdem überfällt mich einen Moment das Gefühl, dass diese Situation auch aus dem Ruder laufen könnte. Peter, Kai und Momo legen die Eisen versuchsweise an. Alle geben sie jedoch bald schon zurück in Arons Hände. Er lädt uns noch ein seinen Camper, sein Zuhause, anzusehen. Die Klimaanlage läuft, die Fliegen beißen, das Bett wirkt einsam und grau. In meiner Phantasie schlägt er gleich die Tür hinter uns zu, wird uns gefangen halten, vielleicht töten…? Ich will raus!

Wir sitzen mit Aron dann doch noch ein paar Minuten friedlich und reden über sein Leben.

Während ich dies schreibe, fährt Kai uns im Camper durch öde weite texanische Landschaft. Als ein übler Geruch mein Riechhirn erreicht, werde ich vom Momo aufgeklärt: Zuerst war es eine Kartoffelanlage, dann eine Beeffabrik. Ekelerregender Gestank nach Kloake!

So kann es sich verhalten mit dem Fremden und den Gefahren. Mit der Natur und dem Menschen.

Oder, wie Peter Altenberg einst bemerkte: Wenn im Wald ein Wolf einem Wolf begegnet, denkt er: Ah, sicher `n Wolf. Wenn aber im Wald ein Mensch einem Menschen begegnet, denkt er sich: Oh, sicher ein Mörder!