Tag 16 – Brüche und Linien – Im Palo Duro Canyon

Seit zwei Tagen stehen wir mit unserem fahrenden Mangan-Basislager mitten im zweitgrößten Canyon der U.S.A. Im Palo Duro Canyon im Norden von Texas.

Nach langer Fahrt über plattes, weites und ödes Land öffnete sich plötzlich und völlig unvermittelt ein riesiger Schlund, ein Riss in der Erde und offenbart eine atemberaubende Landschaft unter uns. Über eine Fläche von 193km Länge und 10km Breite formte einst der Red River sich windende Täler, Felsformationen, Säulen, Höhlen und immer wieder weitere kleine, tiefere Canyons im Canyon in die Kruste der Erde. Wechselnde Farben der Gesteinsschichten und Pflanzen. Im kräftigen Rot mit weiß kristallinen Linien durchsetzt stehen spitz zulaufend, kantig und rissig geformte Felsen, neben sanft ockerfarbenen runden Hügeln, eingebettet von einem satten Grün der wenigen Bäume und dem Silbergrün der Gräser. Immer wieder ragt eine gewaltige Form säulenartig aus allem heraus. Wie ein Mahnmahl der Vergangenheit. Und Vergangenheit hat dieser Canyon nicht nur geologisch.

Noch vor 150 Jahren lebten im Palo Duro Canyon die Ureinwohner Amerikas. Apachen, Commanchen, Cheyenne oder Kiowa. Und sie lebten hier abwechselnd seit vielen Jahrhunderten. Bis der Weiße kam und sich nahm was ihm nicht gehörte. Colonel Ranald S. Mackenzie lockte die verbliebenen Cheyenne, Commanchen und Kiowa, vor genau 143 Jahren dieser Septembertage bei einer Schlacht in den Hinterhalt, trieb sie die Klippen hinauf, brannte alle Behausungen der Stämme nieder und trieb alle, von den Indianern zurückgelassenen Pferde in einen benachbarten Canyon an den Rand einer Klippe und darüber hinaus in den sicheren Tod. Da die Indianer nun einer ihrer wichtigsten Waffen und ihrer Siedlungen beraubt waren zogen sie sich aus dem Canyon zurück und landeten, wie alle anderen Tribes und Überlebenden kurz darauf in Reservaten.

Was macht der Weiße in einer Landschaft die er nur mit allerlei Hilfsmitteln und Klimaanlagen ertragen und überleben kann? Was will er hier?

Besitzen und behaupten. Ein tieferer Sinn verschließt sich mir.

Wir machen uns in den frühen Morgenstunden auf den Weg. Noch bevor die Sonne zu steil steht und wir Probleme mit der Hitze bekommen könnten. Packen Minimalequipment, Wasser, Kekse und Nüsse ein. Wir wollen einen der bekanntesten und schönsten Säulenfelsen „The Lighthouse“ erreichen. Wie die Uhreinwohner diesen Felsen wohl nannten?

Ein fast 5 km langer Trail schlängelt sich durch den Canyon. Nach jeder Biegung neue Formationen. Man beginnt in den Felsen Figuren zu sehen, Gesichter, Häuser, Schlösser. Selbst ein Zirkuszelt lukt in seiner Vollendung durch zwei steile Flanken hindurch. Die Sonne wirft lange dramatische Schatten. Am Wegesrand, Eidechsen, Echsen, Taranteln, laute Grillen. Und in einem Moment glauben wir direkt neben uns die warnende Rassel einer Klapperschlange zu hören. Wir schauen nicht nach. Gehen nur schnell weiter.

Unterhalb des “Lighthouses” ist der Trail offiziell beendet. „End of the Lighthouse Trail“. Hä???

Wir gehen weiter einen sehr steilen engen Pfad hinauf und stehen dann belohnt in seinem Vorgarten.

The Lighthouse! Hm…. Mich erinnert dieser Felsen eher an eine Sphinx mit einem Indianerkopf einen Turban tragend. Der Namensgeber, ein Weißer nehme ich an, hatte wohl gerade eine lange Schiffsreise hinter sich und sah dann selbst in diesem schönen Werk der Natur einen simplen Leuchtturm.

Beeindruckt und dankbar verweilen wir. Machen Aufnahmen. Schicken die Drohne ins Tal und um den Säulenfelsen herum. Von hier aus schauen wir durch den ganzen Canyon. Er lebt. Er erzählt. Er verändert sich in Permanenz. Sonne, Regen und Wind tragen Formen und Kanten ab, um an anderen Stellen neu zu wirken. Das nomadische der Natur.

Wie gern hätte ich hier die Apachen oder Commanchen besucht und mit ihnen einige Tage verbracht. Ob sie mir verraten hätten, wie sie den großen Säulenfelsen genannt haben?