Tag 12 – 14 – Ferien hinter Stacheldraht

Dicht an dicht stehen gut und gerne 400 Camper, Wohnmobile, Jeeps und Großzelte auf winzigen Parzellen des 4 Hollyday Camping-Paradise am Stadtrand von Alice. Große Busse spucken Ladungen mit Pfadfindern auf die dafür vorgesehenen Wiesen. Kleine Zeltstädte entstehen, die an ein osmanisches Feldlager erinnern. Als die Essenausgabe der dinner-time beginnt, flaniere ich durch das vier Hektar große Geviert. Überall werden Fernseher eingeschaltet, man begegnet nur noch einigen Urlaubern, die sich auf den Gang zur Abenddusche begeben. Ich passiere einen Fish&Chips- Imbiss, der bereits geschlossen hat, ein kleines Freibad, mehrere Spielplätze und schier endlose Reihen Minilodges, wo man auch ohne Camper und Zelt Quartier hier nehmen kann. Dann erreiche ich das Ende des Paradieses und stehe vor einem zwei Meter hohem Stacheldrahtzaun.

Ich muss an Israel denken. Auch an Südafrika, Sao Paulo, Chikago oder Port Moresby. An überall dort, wo sich die white skin oder der so genannte Wohlstand eben selbst einschließt, gated und gattert. Sie haben guten Grund dazu.    

Wir waren nach gut zehn Tagen Wüste und Outback nach Alice Springs zurückgekehrt,

um unsere Kameradrohne von Backpackers abzuholen. Drohni war um die halbe Welt geflogen, allerdings in einem Paket, dass mein Vater perfekt gepackt und gemanagt hat.

Jetzt sind wir sehr froh, dass wir endlich diese atemberaubende Landschaft auch aus der Luft fotografieren können. Das Wiedersehen mit Alice war ernüchternd. Selbst diese ruhige, kleine Wüstenmetropole wirkt auf uns hektisch, laut und letztlich überzivilisiert. Die eine Nacht im Hollydays behind the barpwire war dem timing des nervenzerüttenden schauderhaften Zustand des Plenty-Highway geschuldet. Nun liegen unsere letzten Tage vor uns, die wir nutzen um uns die East Mac-Donalds Range genauer anzuschauen. War es Leichhardt vielleicht doch gelungen, sie zu überwinden? Dick Kimber, der große Experte hält es für möglich. Der Fundort vom Namensschild Leichhardts Gewehr weist in diese Richtung.

Es war sehr berührend, den betagten und weisen Mann zu treffen, auch weil ihm das Schicksal mit einer Parkinson-Erkrankung heimgesucht hat. Das Sprechen fällt ihm schwer, doch kann er eine Aborigines-Lagerstätte am östlichen Rand der Simpson-Wüste (die wir zufällig entdeckt hatten) klar an verschiedenen stone-arrengments klassifizieren. Auch die steinerne Klinge erkennt er klar als tool, als Schneidwerkzeug der Aborigines, dass mehrere hundert Jahre alt ist. Da diese Nomaden waren, ließen sie derlei Werkzeug an den jeweiligen Lagerstätten immer zurück, um bei der Wanderung nicht durch zuviel Gepäck zu schwerfällig zu werden.

Bis noch dreißig Jahre nach Leichhardts Verschwinden, kamen Gerüchte aus dem Innern, dass ein Weißer bei Aborigenes leben solle und fester Bestandteil des Stammes gewesen sein soll. Die damaligen Zeitungen und Berichte, vermuteten, dass es Leichhardts Schwager Classen war, der die Reise in den scharzen Kern der Masse (Leichhardt) überlebte. Dick Kimber hält es gar für wahrscheinlich, dass es Leichhardt selbst war. Als Weiße zufällig auf den umherziehenden tribe stießen, wollten sie den alten weißhaarigen Mann mit klar zu erkennder europäischer Physiognomie mit sich nehmen. Die Aborigines verweigerten die Herausgabe ihres „Doktors“.

Wir sind nun nach zwei Nächten in der Trephina Gorge im Stammesgebiet der Arrente angelangt. In einer anderen Schlucht haben wir Felsmalerei dieses Stammes bewundern können. Heute und morgen lagern wir am Ross River und entspannen etwas, resümieren unsere Arbeit und Erlebnisse. Am Donnerstag wird es dann noch einmal spannend, denn der hier tätige deutsche Missionar Michael Jacobsen wird uns Einlass in eine Aborignes-Siedlung der Arrente gewähren, wo wir hoffen, diese einmal näher kennen zu lernen.

Bemerkenswert bleibt zu erwähnen, dass wir vor drei Jahren im Hochgebirgsdschungel von Papua zwei alte, seit 1975 nicht mehr betretende Misionarshäuser besehen hatten. Kein Einheimischer darf seinen Fuss dort hineinsetzen, nur wir, da wir Deutsche sind. Die Häuser werden in der Hoffnung von außen gepflegt und sicher auch verehrt, dass die deutschen Missionare zurückkehren. Wir sahen im Innern zwei kleine Kinderbetten. Dies war lange das Zuhause von Michael Jacobsen, der hier in Mindik aufgewachsen war.

Ebenso auffällig war, dass man in der molochartigen Hauptstadt Port Moresby sich seiner Haut nicht sicher sein konnte, zu keiner Tageszeit, es sei denn, hinter den aufgetürmten Stacheldraht-Arenen der wenigen, westlichen Standards genügenden Hotels. In Hinterländ von Finschhafen jedoch, und erst gar nicht im Dschungel von Mindik gibt es auch nur Türschlösser. Dort ist die Welt noch ursprünglich, kein Kolonist hat sie unter den Stiefel genommen.

Leichhardt konnte freilich von diesen weitreichenden Folgen des Entdeckertums an sich nichts ahnen, doch bleibt sein mysteriöses Schicksal ein Scharnier von davor und danach. Wir sind gespannt auf das danach-danach.  

Scroll to Top