Schlickspiele um Mitternacht oder „Tidenkummer lohnt sich nicht, my darling“ …

Also: Helmsdale.

Das Anlegemanöver in Wick, unserem vorherigen Halt, lief noch ab wie aus dem Lehrbuch: wir machten so smooth an der Pier fest, wie der Fettfleck auf der Hühnersuppe am Tellerrand anlegt. Beim Auslaufen am nächsten Morgen-nach unserem Bergfest (s. Momos voriger Eintrag)-raten uns die Jungs von der Lifeboat-Crew in Wick noch zum Einlaufen in Lossiemouth, aber das wäre ein Schlag von über 45 Seemeilen, und die haben wir für diesen Tag so überhaupt nicht auf der Rechnung. Also: Helmsdale. Da sieht das Anlegemanöver dann anders aus …

In unserem Bord-Vademecum ist Helmsdale als kleiner Fischerhafen beschrieben, ohne Tiefgangsbeschränkung; allerdings befinde sich in der Einfahrt eine kleine Sandbank, auf die solle man bei Niedrigwasser achten. ( Ham ja zuhause sowieso immer alle gesagt, wenn es um den Törn ging – Tide, Tide, Tide …) Der Skipper sagt auf halber Strecke, ich soll mal da in Helmsdale anrufen und den Hafenmeister fragen, wie das aussieht, ob das sicher ist, dann und dann da reinzufahren … Nun bin ich zwar des Englischen zwar so einigermaßen mächtig; aber erstens reden hier alle im Schottischen Idiom-wir sind in Schottland(?!)-und zweitens geht es ja in solch einer Situation nicht darum, einfach mal n Bier zu bestellen, sondern hier muß ich verstehen, was der Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung sagt, sonst setzen wir unter Umständen auf, werden manövrierunfähig, Lifeboat, Coastguard, Rettungsinsel, Tagesschau … und alles, weil ich den Hafenmeister von Helmsdale nicht richtig verstanden habe … ( Übrigens birgt die-vermeintliche-Sicherheit in einer Fremdsprache mindestens einen Pferdefuß-man fühlt sich sicher, palavert mit dem native speaker gegenüber forsch drauflos, der andere fühlt sich verstanden, und redet ab sofort wie ihm der Schnabel gewachsen ist, und dann wird’s schwierig …).Momo hat ja schon beschrieben, wie wir in Helmsdale einlaufen, nachdem ich mindestens drei mal mit dem Hafenmeister am Handy konferiere … Mr. J. (als solcher ist er im „Welcome-Anchorages“ vermerkt) erweist sich in diesen Gesprächen als erstaunlich geduldiger Zeitgenosse; er erklärt, warnt, bietet an, verspricht, zu organisieren. Und als die Pier dann tatsächlich vor dem Bug auftaucht, in einem sehr kleinen Augsburger-Puppenkisten- Lummerland-Hafen, steht da ein freundlicher, entspannter Mann im mittleren Alter-so n bißchen der Timothy-Dalton-Typ – und winkt uns herein. Macht uns fest. Ich springe an Land und gebe mich als der zu erkennen, mit dem er den Vormittag über telefoniert hat, begrüße ihn mit festem Händedruck und Blickkontakt (soll man bei Schotten machen-steht so im Reiseführer …) als Mr. J und erfahre als erstes, daß Mr. J. schon seit drei Jahren tot ist und ich momentan und den ganzen Vormittag über also nicht mit Mr. J. , sondern mit Mr. S. zu tun habe … Anyway … Wir liegen im Hafen und warten also auf den Tiefststand und das große Kippen …

Helmsdale ist n friedlichen kleines Städtchen, und um den Hafen herum fällt auf, das alle Hinweisschilder eigentlich ausgedruckte papierene DINA4-Seiten vom Hafenmeister sind: „Sollten diese Mülltonnen voll sein, nehmen sie gerne auch die im Hinterhof der Hafenmeisterei“, „Eingang zum HafenmeisterBüro mittlere Tür im Hof“; auf dem Klo: „ Die Warmwasserhähne bitte nicht gewaltsam zudrehen, sie tropfen, das ist normal!“

 

 

Der Käptn hat sich um 8 nochmal hingelegt und angesagt, er würde sich um viertel nach 11 wecken lassen, er schläft tatsächlich, denn wir hören ihn laut schnarchen; wir anderen gehen unseren Gedanken nach und versuchen, mit der seltsamen Situation umzugehen … flirting with desaster; sollte das Schiff tatsächlich kippen, sind wir vorbereitet … um 10 kommt Momo unter Deck und referiert tonlos: „60 cm“ … das heißt in der letzten halben Stunde ist der Wasserstand um 30 Zentimeter gefallen, und wenn man mal hoch – und nachrechnet … Kai und ich gehen mit ner Taschenlampe rüber zum Büro des Hafenmeisters-da hängt die Tidentabelle an der Hauswand-und sind sicher: Um 1 Uhr 37 ist der Tiefststand erreicht … dann müßten wir mit unserem Tiefgang ungefähr 1 Meter tief im Schlick des Hafens von Helmsdale eingesunken sein … Wir wecken den Skipper, also eingentlich isser schon wach, und stehen im mittlerweile einsetzenden Regen auf der Pier. Wenigstens ist es nicht kalt. Über uns ragt das Schiff in den Nachthimmel, der kleine Hafen liegt im kranken gelben Schein der Karbidpeitschenlampen, Möwen und Raben sammeln MeeresfrüchteReste aus den Körben der Fischer, hinter der Mole tost die Nordsee … Der Käptn holt das Lot aus der Schublade in der Kombüse und dann mißt er auf diesem analogen Weg unsere Entfernung von der Katastrophe, läßt den Bleipropfen ins schwarzschillernde Nachtwasser plumpsen und bis auf den Grund sinken, zieht es mit doch recht besorgter Miene wieder ein, murmelt Zahlen … Momo filmt, schneidet mit … Der Wasserstand sinkt weiter und gegen 0 Uhr ist auch die 0 auf der Echolot-Anzeige im Cockpit erreicht, hier ist Schluß, unsere Anzeige gibt nicht mehr her, jetzt muß das Auge wach sein … Cider fliesst in Strömen unter der Sprayhood, wir hocken unter dem Regenschutz und warten; ab und zu steht einer der Jungs auf und pinkelt in der irrigen Annahme, das Kippen dadurch aufhalten zu können, ins Hafenbecken … Es hilft nichts, die Uhr rückt vor auf 1 und wir haben uns eigentlich schon damit abgefunden, hier mit einem halsbrecherischen Stunt die Nacht zu überstehn, da verkündet Momo, die immer ein Auge auf die Pegelanzeiger an der Mole hat: „Wir steigen wieder …“ und tatsächlich: Wir kippen nicht, die Katastrophe bleibt aus, wir liegen nicht mal sanft auf, und gehen irgendwann gegen 1 in die Kojen; der Autor dieser Zeilen ist wohl der einzige, der an diesem Abend schräg ins Bett humpelt – ist er doch trotz rutschfester Segelstiefel die Gangway runtergerutscht, verdammte Scheiße nochmal, zum Glück ist alles heil geblieben … Tidenkummer lohnt sich nicht … s. o.

 

 

Morgens dann steht Hafenmeister Mr. S. gutgelaunt an der Pier, läßt sich unsere prallen Müllsäcke rüberreichen und wünscht uns eine gute Fahrt nach Inverness; wir seien von der Zeit her genau richtig unterwegs, die Tide würde uns regelrecht reintragen in den Hafen … Ich bin mir sicher, daß irgendwo in den Schubladen der altehrwürdigen BBC schon die Exposés liegen für eine neue tägliche DokuSoap über Helmsdale und seinen sympathischen, hilfreichen Hafenmeister: Und da macht es uns dann auch nichts mehr aus, daß er uns heute den versprochenen Ausdruck des aktuellen Wetterberichts nicht mitgebracht hat; er macht eine entschuldigende Geste über eine imaginäre Computertastatur und meint, sein Drucker wäre kaputt … uns wunderts nicht und wir verabschieden uns von ihm und Helmsdale. Und jetzt: Auf in den Caledonian Canal!!!!

1 Kommentar zu „Schlickspiele um Mitternacht oder „Tidenkummer lohnt sich nicht, my darling“ …“

  1. Arta Adler

    sehr spannend, detailliert und voller Humor! Danke, hat mir den späten Nachmittag versüßt.

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