Im Glen Roy

Wir haben es geschafft und das Tal von Glen Roy besichtigt! Aber der Reihe nach. Der Kaledonische Kanal hatte noch reichlich Überraschungen zu bieten. Zeigte er sich hinter Fort Augustus noch wie der heimatliche Spreewald, zog er bald schon reichlich Register auf der Hochgebirgsorgel, entfaltete hohe Pracht am Loch Oichy, wandelte sich danach in einen zauberhaften Regenwald, wie er auch in British Columbia zu sehen ist, krönte sich am Loch Lochy mit dem Ben Nevis und führte uns sacht nach Banhavie. Der erste Tag unser Reise ganz ohne Regen hatte uns mit den mannigfaltigsten landschaftlichen Formen und Szenerien geschmeichelt. An Nachmittag schon machten wir in Banhavie fest. Nahmen Strom und Wasser und widmeten uns ganz der Entspannung. Hier endet der Kanal beinahe. Es erwarteten uns heute morgen noch 9 Schleusen hintereinander, die Neptunes Staircase.

Ganz umsonst hatten wir hier nicht festgemacht, denn gestern war Wandertag. Ein Expeditionschor machte sich auf den Weg zum großen Glen Roy. Wolf, Katha und der Skipper besichtigten Fort William. Momo, Diddi, Rübe, Ariane und ich hingegen nahmen die Scottsrail und fuhren zwei Stationen bis Roy Bridge, um dann unseren 10km Fussmarsch anzusetzen. Vor 176 Jahren war Lois Agassiz hier hinauf gestiegen. Ein Mann der Empirie. Ganz nach meinem Geschmack. Er hatte in Glasgow über den großen Gletscher Vortrag gehalten, der Europa bedeckt haben soll. Seine Schweizer Forschungen ließen nur die eine Schlussfolgerung, also diese zu. Es muss eine massive Vereisung der eurpäischen Landmasse gegeben haben. Sein Vortrag aus dem Vorjahr in Neuachtel hatte einen Skandal ausgelöst. Man hielt ihn für verrückt. Seinem hohem Renomèe in Britanien mag man es zuschreiben, dass man ihn hier zumindest freundlich anhörte. Aber der innere Plemplem-Scheibenwischer mag bei den meisten Zuhörern auf Hochtouren gelaufen sein.

Wir verließen Roy Bridge und stampften eine kleine Piste hinauf. Immer wieder Zeugnisse schottischer Geschichte am Wegesrand. Ein Stein gedenkt dem letzten Clan-Gefecht, sechszehnhundertirgendwas zwischen den MacDonnalds und den MacIntoshs. Dietmar entdeckte gar einen kleinen Reformationsstein, ein Findling in den das Abbild eines Kelches eingemeißelt wurde, als Zeichen, dass nun auch Laien sich am Blute Christi vergehen können. Ich muß an Scapa Flow denken. „Es wird fortgesoffen“ war das geheime Flaggensignal 11, frei nach der gleichnamigen Burschenschaftsregel. Die Reformation war selbstverständlich ein heftiger Paradigmenwechsel. Treffer versenkt. Ich werde dem ganzen ein späteres Kapitel widmen.

Ob Lois Agassiz auch so geschwitzt hat beim Anstieg wie wir? Es war keine große Steigung, aber recht schwül im Nebellande. Wir passierten das letze Dorf Bohuntine. Agassiz kümmerte die Kritik in Glasgow wenig und er fand hochkarätigen Beistand. William Buckland, einer der führenden Geologen Britaniens war zumindest interressiert, mit Agassiz ins Feld zu ziehen. Ins Hochland Schottlands, dort wo es von erratischen Blöcken wimmeln sollte. Die Beschreibung bei Wikipedia gefällt mir: „Irrblock (lateinisch errare‚ [umher]irren), Fremdling“, wir nennen diese Steine üblicherweise Findling. Auch gefällt mir Agassiz Methode. Theorien langweilten ihn. Er wollte immer alles sehen, anfassen, untersuchen, sich Gewissheit verschaffen. So zogen die beiden los. Um die „parallel roads“ vom Glen Roy in Augenschein zu nehmen. Nur was das Auge sieht, kann das Bewußtsein begreifen. Wir schnauften uns hundert Meter höher. Die Vegation wurde nun spärlicher, doch noch immer säumten Farne und moosbehangene Bäume die schmale Piste. Langsam wurde unsere Zeit knapp, denn wir mußten den Zug zurück nach Banhavie schaffen. Doch dann ganz plötzlich öffnete sich das Tal in atemberaubender Weise.

Hinter uns dräute in schweren Wolkenmatten der prächtige Ben Nevis. Rechter Hand zog sich ein grünbewachsner Hang entlang, an dem man sehr klar die Schrammen eines Gletschers aus dem Iceage sehen konnte und geradezu lag der Glen Roy mit den überdeutlich wahrnehmbaren Parallel-Linien. Dies waren einst Uferkanten eines Gletschersees, der von einem Gletscher blockiert wurde und nicht abfließen konnte. Charles Darwin war 1838 hier und schlußfolgerte auf Grund seiner Südamerika-Erfahrungen auf die Spuren einer Sintflut. An seinem Lebensabend bereute er das jahrelange Beharren auf dieser Theorie mit den Worten „Ich bin wegen Glen Roy am Boden zerstört. Meine wissenschaftliche Publikation war ein einziger riesiger grober Fehler von Anfang bis Ende.“ Für Agassiz war in Angesicht von Glen Roy die Sache mehr als klar. Seine profunden Erfahrungen in der Schweiz ließen das Forscherauge das Unvorstellbare sehen. Die Monstergletscher der Eiszeit. Es schien auch Buckland zu überzeugen.

Doch auch Buckland knickte nach einer gewissen Zeit wieder ein und kehrte zur Sintflut- Theorie zurück. Der Vorstellung eines umfänglichen Eiszeitalters standen allerhand Hindernisse im Weg. Religion und Naturphilosophie wiesen ein katastrophisches Denken zurück, eine Welt ohne ordnenden Gott war nicht denkbar. Erst als 1854 Elisha Kane die großen Gletscher Grönlands gesehen hatte und dies in großen poetischen Worten seinem zahlreichen Publikum beschrieb, war er möglich, der Paradigmenwechsel und Agassiz Eiszeitbeschreibungen fanden vollumfänglich Akzeptanz.

Glücklich genossen wir eine Viertelstunde den Anblick vom Glen Roy und trabten dann zum Zug zurück. Abends Whiskey und Wein. Heute dann weiter durch Nebel im Loch Linnhe, um unseren Kreis der Reise zubeschließen. Abends fest in Dunstaffnage. Yes Sir, we can do it.

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