Fenderalarm am Kinlochbervie

Mittwochmorgen, wir segeln aus dem Hafen von Stornoway, das Wasser in der Bucht bewegt sich bei bedecktem Himmel und angenehmer Temperatur in kurzen, übereinander fließenden Wellen. Nach vorabendlichem Geplänkel mit dem Skipper über die in Pinguin-Manier ständig zwischen Ober- und Unterdeck auf und ab trippelnde Besatzung („Ich hol mir noch ‘n Bier;)“, „Wo sind denn die Blättchen?“, „Muss mal;(“; „Bring das Fernglas mit!“, „Noch jemand ne Stulle?“) beschließe ich, meinen Platz so wenig wie möglich zu verlassen – und es lohnt sich! Mit Aussegeln aus der Bucht wird der Wind stärker, die Wellenberge höher, die Wellentäler tiefer. Auf meinem Platz geht es fast immer mehr ins Tal, im Minutenrhythmus sitze ich mitten in der Talsohle, während die anderen auf der Gegenseite versuchen, nicht über mich hinweg zu segeln. Es ist toll! Erst nach und nach kapiere ich, dass es manche mit der Angst zu tun bekommen, etwas, woran ich nach den heimischen 100-Prozent-Prognosen für Seekrankheit überhaupt nicht gedacht habe. Gegen die Angst, sehe ich, gibt es Manöver: in Starre verfallen, Augen zukneifen und spitze Schreie von sich geben, Worst-Case-Szenarien vorwegnehmen, über die ersten erotischen Abenteuer plaudern, Erkundigungen beim Skipper einholen, ab wann es wirklich gefährlich werden kann. Der wägt ab: Wenn die Holzkante des Boots feucht wird. Wird sie. Ab da segeln wir mit halber Fock, und der Skipper gibt weiterhin das Ruder nicht aus der Hand. Halbe Drehung rechts, Dreiviertel nach links, Zweidrittel nach rechts – winzige Momente der Unkonzentriertheit sorgen für Wassernachschub auf der Holzkante, 14 Stunden hintereinander hat er das schon gemacht, hier kommen wir glücklicherweise mit sechs aus. Mir geht’s prima, von den majestätischen Wellenbewegungen aufgeladen klettere ich nach Backbord, um den Fender zwischen Boot und Stegkante zu balancieren. Momo soll die Heckleine werfen, wohin mit ihrem Fender? Kein Problem, ich greife nach dem daran befestigten Seil, habe es in der Hand, hebe es samt Fender über die Reeling – weg ist er, mir aus der Hand entglitten. „Scheiße!“ Jeder Fender zählt. Aber Anlegen hat jetzt Priorität, währenddessen sehen wir beim Rückwärtssehen den Fender an der anderen Seite der Bucht antrudeln. In der Zeit, in der wir den Harbourmaster suchen, umrunden Wolfgang und Didi die Bucht und retten den Fender! Das Gleichgewicht ist wieder hergestellt, denn man muss wissen: Auf der ganzen Welt gibt es einen Fender zu wenig, dessen Fehlstelle durch ein ausgeklügeltes System ewigen Räuberns, Wiederanbringens und Ausstauschens einigermaßen ausgeglichen wird. Zwei fehlende Fender würden unweigerlich zum Zusammenbruch der Segelei führen … mein Fender-Trauma wird noch eine Weile andauern.

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