Bootskoller

Er kommt, da kann man machen, was man will. Es sind einfach nur round-about fünfundzwanzig Quadratmeter Platz für uns acht und irgendwann platzt einem das Oberstübchen, vom ewigen Gesumm der nahen Freunde, vom dauerhaften Gewitzel, vom Schwätzchen, vom Gekreisch ab neun Uhr abends.

Wir haben vier winzige Kabinen, zwei kleine Toiletten, einen schmalen Salon unter Deck und das immer nass-kalte Oberdeck. Selbst wenn, wie wir, alle gut drauf sind, kann einem das gehörig auf die Ketten gehen. Habe ich gesagt, auf die Ketten gehen? Unsinn. Es ist die Hölle, der Horror, der blanke Furor. Diese Bande! Wir sind  Laberbären, Debile, Witznudeln, Quasselstrippen, Besserwisser, Nörgelköppe, Jammerlappen und Seeamateure. Und Punkt, Punkt, Punkt. Und drei Ausrufezeichen!  Eine elende Runde Hyperaktiver in einem schwimmenden Mäuseloch. Ich halt mir die Ohren zu. Es gibt kein Entrinnen. Der Bootskoller, dammich! Und immer denkt man natürlich nur an sich. Wer weiß, wie es den anderen geht und wann sie ihren Koller in einem Fluch verdrücken und mal im Kabinchen verschwinden, scheinfröhlich zurückkehren (wer weiß, was die da machen) und sich versuchen, zu resozialisieren. Fast immer angenehm dann, wenn ein seglerisches Manöver uns wieder zur Mannschaft werden läßt und man sinnvolle Dinge tun muss. Winschen, fendern, Leinen einholen, klar legen, Genua-Schot lose geben usw. Fast immer. Denn heute beim Anlegen in Fort Augustus habe ich mich beim Anlegemanöver beim Rausspringen böse auf die Pier gelegt. Sie war durch den Regen so glitschig, dass es kein Halt mehr gab und ich lang hinschlug. Aua wach!

Der Kaledonische Kanal ist ein Irrtum, was unsere romatischen Erwartungen betraf, zumindest bisher. Selbst Fontane schon beschrieb die weite Ödniss von Loch Ness. Vielleicht hatte er in seiner Dampfbarkasse keinen guten Platz, um zumindest das Lichterspiel zu bewundern. Auf unserer Yacht haben wir natürlich eine formidable Aussicht. Hier hat das Wetter-wechsle-dich-Spiel nochmal ein höheren Takt als im Atlantik und gewinnt ganz zauberhaft durch die hohe Bergkulisse. Aus Regen wird Nebel, aus Nebeln brechen schon die ersten Sonnenstrahlen hervor, worauf sich alsbald wieder tiefe Wolken vorteilhaft auf die Szenerie senken, sich mit dem Wasser des Sees verbindend. Doch zu Fontanes Zeiten gab es den ganzen Nessi-Wahn noch nicht. Immer wieder rauschen Speed-Boote und „Fleischdampfer“ an uns vorrüber, mit Touristen aus aller Welt, die vermeintlich dem Seeungeheuer Nessi auf der Spur sind. Nach 14 Tagen auf hoher See überkommt mich beim Landgang auf Burg Urquhart in Konfrontation mit den Heerscharen aus China, Schwaben, England oder Holland fast Mitleid. Mit Smartphones im Anschlag, Fünf-Sprachen-Audioguides auf den Ohren pilgern sie durch die Ruinen und Ausstellungen. Die Idiotie der Welt scheint greifbar. Für mich nur noch nicht beschreibbar. Obwohl es ja auch leicht scheint, da draufzuhauen.

 

Der Philosoph Byung-Chul Han spricht von der Müdigkeitsgesellschaft, vom Paradigmenwechsel vom bakteriellen oder viralen Zeitalter zum neurotischen. War der westliche Mensch früher pandemischen Attacken aus Viren und Bakterien im Kleinen, und Kriegen, kalten wie heißen, im Großen ausgesetzt, wandelt er sich jetzt von der Disziplinarmaschine zum Leistungsgesellschafter. Er muß überall gut sein. Das Gute flutet ihn. Überall gibt es ein Überangebot davon. In der zunehmenden Freizeit, da Arbeit Mangelware, ist er von tollem, abertollem, hochgejazztem Bullshit umzingelt und kann „wählen“, welchen Schwachsinn er sich täglich davon reinschaufelt. Im Urlaub warten all die Nessis und Walewatchings auf ihn. Kam der Feind früher von außen, sitzt er heute direkt in einem. Es gibt Urlaub, jetzt muss man erleben. Starke Anreize sind nötig. Die katastrophische Erwartung, die Lebensvorstellung eines Neanderthalers, ist tief in uns verbaut. Die Evangelisten haben daraus die Bibel gezimmert. Heute schaut man endlos Krimiserien, verdaut die täglichen Schlamassel der Welt in den Nachrichten oder sucht nach Monstern im Urlaub, lässt sich beeindrucken von Kampagnen jeder Art, ob es der ewige Klimawandel ist, Hauke Trinks hat uns eindrücklich Zeugniss über den Klimabuisness gegeben, darf man ja gar nicht sagen, wäre ein Paradigmawechsel, ja Gedankenverbrechen, genannt Klimaleugner oder der derzeit überall präsente IS. Das Böse kann sein. Da draußen irgendwo ist es. Hundert pro. Selbst auf den Klos der Marinas hängen Schilder hier. Wer etwas verdächtiges beobachtet, soll es unter der und der Telefonnummer der Anti-Terror- Leitstelle melden. Orwell lässt grüßen. Nessi auch. Denn wir sind die Guten und wir machen jetzt Urlaub, wir wollen Entertainment. Die neuronalen Infektionen, wie Han schreibt, heißen Depression und Burnout, ADHS und Borderline.

Die, die es auf dem Karussel nicht verstehen, in die nächsten Runden der Selbstausbeutung und des allgemeinen Gaga zu kommen, dürfen sich diesen modernen Plagen erwähren. Ich bin mein Chef. Ich bin mein Sklave. Ich gebe alles. Ich schaffe das. Selbst die Kleinkinder der Rundendreher haben schon einen vollen Kalender. Geigenuntericht, Yoga, Ballet und Chinesisch. Geigenunterricht Scheiße, versuchen wir mal Trompete. Der Yoga-Lehrer ist ein Hippie, Mittwoch ist noch frei für Psychoanalyse.  Die, die es noch nicht mal bis auf das Karussel schaffen, die Harzer und Ein-Euro-Jobber werden gehalten, als Abschreckung zu dienen. Sie braucht es, um den auch geistigen Billig-Lohn-Laden am Laufen zu halten.

Ich bin froh, auf diesem Schiff zu sein. Es erlaubt mir etwas Abstand zum Karrussel. Es erlaubt mir, dass ich die Gedanken manchmal fliegen lassen kann. Trotz Bootskoller. Das ist dann der kleine Preis, den ich gerne zahle, auf unser Segel-Mission rund Schottland. Es tut gut zu schreiben. Morgen geht’s weiter nach Loch Oichi und Loch Lochy nach Banhavi.

 

Frei nach Heinz Strunk „Nach Notat ins Bett“

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