Bergfest und neue Wasser

Wir liegen im Hafen von Wick am Schwimmsteg und stellen fest, dass wir exakt die Hälfte unserer Reise hinter uns?… oder vor uns?… haben.

Wir sind ein bisschen erschrocken. Eigentlich fühlt es sich so an, als seien wir gerade los gereist und gleichzeitig schwingt in uns ein Gefühl von gemeinsam erfahrener Ewigkeit.

 

 

Wir tragen Schottland, dieses wunderbare Stückchen Erde, schon lange in uns. Die Menschen hier sind von unfassbarer Freundlichkeit und mit einem gutem Humor unterwegs. Die Landschaft ist von ausgeprägtem Charakter, wie die Gesichter der Schotten. Vielfältig und um jede Ecke anders. Hohe Berge und Felsen im Westen, Steilküsten, rau und schroff im Norden. Berge weich geschwungen und in einem satten Grün im Osten. Die Küsten strecken ihre Arme einladend nach uns Reisenden aus. Überall möchte man anlegen. In Höhlen kriechen, auf Klippen sitzen, das Grün berühren.

Da wir ja auf dem Wasser reisen hat man manchmal das Gefühl, dass wir Schottland nur von außen ankratzen.  Und manchmal denke ich, wir sehen alles immer nur aus der Ferne, wie durch die Kameralinse, mit Ausnahme der Nächte, die wir in Häfen liegen. Eine Insel, die ein Insel umkreist. Aber das stimmt so nicht. Wir umarmen Schottland mit dieser Reise und werden uns ab Übermorgen in seine Mitte begeben. Dann werden wir durch den Kaledonischen Kanal von Nord-Ost zurück nach Süd-West stechen.

 

 

Das Glas ist also nicht halb leer. Es ist halb voll. Nach dem wir unseren nördlichsten Punkt dieser Reise erreicht hatten, Stromness auf den Orkneys, hatte man schon ein Gefühl von einem Höhepunkt. Aber immer noch befinden wir uns im Aufstieg. Wir haben den Atlantik verlassen und besegeln nun die Nordsee. Zwei völlig unterschiedliche Meere. Das eine leuchtend blau mit einer hohen und sehr langen Welle, das andere grau mit kurzer und störrischer Welle.

Wir sind voller Neugier. Haben Wale, Delphine und Robben gesehen. Sind über einen bedeutenden Schifffriedhof in der Bucht von Scapa Flow gedriftet. Werden wir im Loch Ness Nessi begegnen? Und wer/was ist Nessi eigentlich? Tatsächlich ein Wesen? Ein Tier? Eine Zustand oder eine Halluzination? Wahrscheinlich alles zusammen. Eine Frau im Museum in Stromness erzählte mir, dass man die hohe Tiefe von Loch Ness energetisch stark spüren kann, wenn man den See befährt. Wir werden sehen welches Bild diese Energie vor unsere inneren Augen stellen wird.

 

 

In der Nacht feiern wir den Mittelpunkt dieser Expedition. Kai und Dietmar spielen mit Akkordeon und Guitarlele in der Plicht auf und wir trällern die besten Gassenhauer dem tiefhängenden Wolkenfirmament entgegen. Am nächsten Morgen werden wir trotzdem noch freundlich von unseren Nachbarskippern im Hafen gegrüßt.

Nun sind wir bereits weitergezogen gen Süden. Helmsdale ist unsere Nachtstätte for tonight. Der Hafen ist etwas tricky. Hat man ein Boot mit mehr als 2m Tiefgang bekommt man leicht Probleme, beachtet man nicht die Regeln des Tidenhubs. Unser Boot hat 2,30m unter sich. Vor Einfahrt in den Hafen telefoniert Wolfgang sicherheitshalber mit dem Hafenmeister von Helmsdale. Der sagt, bei Ebbe ist die Einfahrt für uns nicht möglich. Wir müssen die Flut abwarten. Also dümpeln wir. Vor der Hafeneinfahrt ziehen wir 1 1/2 Stunden unsere Kreise bis der Hafenmeister grünes Licht gibt. Wir fahren ein. Und tatsächlich. Unter uns sind nur 30cm Space in diesem Moment. Knapp. Wir bekommen einen Platz an der Marina zugewiesen und werden darauf hingewiesen, dass um Mitternacht wieder Ebbe und damit der tiefste Wasserstand erreicht sein wird, wir wahrscheinlich Grundkontakt haben werden und wenn möglich dafür sorgen müssen, dass das Boot dann nach Steuerbord, also in Richtung des Steges kippt. Um Mitternacht wird der Skipper also den Baum nach Steuerbord legen und 7 kleine Manganerlein werden daran baumeln, um dem Schiff das entsprechende Übergewicht zu geben und es in die Seitenlage zu zwingen. Mal sehen wie es sich dann an Bord steht und schläft. Die Wecker sind auf 23 Uhr gestellt und wir gehen noch mal für eine Stunde vor diesem neuen Manöver schlafen.

 

 

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