Alles hat ein Ende,

nur die Wurst hat zwei. Singt Cossa und lacht sich einen. Kai, unser Musikforscher, wollte wissen, welche deutschen Lieder er kennen gelernt hat. Unser Film ist keine Wurst. Gestern das letzte Interview. Prudencia wohnt in einem geräumigen Steinhaus, im Wohnzimmer knallgelb gestrichene Wände, ein schweres Ledersofa, Flachbildfernseher. Das will gar nicht in diesen slumigen Vorort Maputos passen. Daneben Bretterbuden und Wellblechzäune. In Maputo spielen die Gefühle Ping Pong. Manchmal die chinesische Meisterschaft. Prudencia erzählt uns ihre Geschichte. Als sie das erste Mal in die DDR kam, war sie schwanger. Sie wusste es nicht. Nach der ärztlichen Untersuchung ging es wieder in die Heimat. Sie schaffte einen zweiten Anlauf, ein paar Jahre später. In Rathenow wird sie zwei Jahre arbeiten. Die Arbeitskollegen hat sie in bester Erinnerung, die Brigadefeiern und den Urlaub in einer kleinen Bugalowsiedlung des Betriebs. Als sie sich dort verlief, helfen ihr zwei Ostdeutsche, bringen sie zu ihrem Bungalow und laden sie nach Hause ein. Prudencia ist gerührt. Solch fremde Zuwendung kannte sie aus dem harten Alltag ihrer Heimat nicht. Der Erzählung droht die Wendung ins Märchenhafte. Doch das Schicksal ist ein brutaler Regisseur. Prudencia wird wieder schwanger. Doch diesmal will sie nicht den Abflug nach Mosambik machen. Sie versteckt die Schwangerschaft bis in den siebten Monat. Durch meinen großen Busen war das gut möglich, lächelt die schwarze Lady. Wir nicken anerkennend zurück. Schon in Rathenow hatte sie die Pfarrerin Almuth Berger kennen gelernt. Sie fährt mit dem Zug nach Berlin und kommt dort ziemlich desolat an. Die spätere Ausländerbeauftragte der DDR bringt sie sofort in ein Krankenhaus. Dort kann man Mutter und Kind retten. Doch drei Monate nach der Geburt beschließen die mosambikanischen Funktionäre, dass sie zurück muss. Kurz vor der Abreise steckt ihr Almuth Berger noch 50 Dollar zu. Mit diesem überschaubaren Geld zieht sie einen erträglichen Handel auf, der bis heute die Familie ernährt.

Die schwarze Lady schaut zufrieden in die Runde. Sie ist froh, dass sie das Gespräch hinter sich hat. Sie ist keine Frau der großen Worte. Wahrscheinlich hat sie es nur für Almuth Berger getan.

Heute der erste freie Tag und der letzte. Wir kaufen Tücher für unsere Liebsten. Georg regt an, sie zu säumen. Wir warten vor dem Schneider. Einer sagt, hier haben wir vor einer Woche die Demo der Madgermanes gedreht. Kurz danach sehen wir einen Menschenzug, hören Trommeln und Gesänge. Cossa packt mich plötzlich und Georg und ich landen im Tanzkreis der Demo. Zwei Fremdkörper im afrikanischen Rhythmus, ungelenk und dauerlächelnd. Aber die Madgermanes klatschen uns ab, umarmen, Fäuste stoßen gegeneinander. Wir sind welche von ihnen. Das ist zum Abschied, sagt Cossa. Wir wollen uns umarmen. Wenn ich vor ihm stehe, muss ich zu ihm aufschauen.

Die Madgermanes ziehen weiter. Sie tragen kleine Pappschilder mit sich: „Gebt uns unser Geld zurück“ und „Wer zuletzt lacht, lacht am besten“.

Wir werden morgen nach Deutschland  fliegen. Lassen sie zurück und nehmen doch etwas mit.

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