Ok, sorry! – Tenkiu! – Heldsbach hat uns wieder!

Mindik verlassen ist eine Kerze die zweiseitig brennt. Der Abschied ist herzlich und traurig. Tränen fließen auf beiden Seiten. Im Herzen die Hoffnung, dass wir uns wiedersehen. Gleichzeitig der starke Wille, fast schon zu einem Gebet geformt, Mindik endlich verlassen zu können. Dieses Mindik, in welchem die Bewohner vor jedem Satz ein “Ok, sorry!” und danach ein “Tenkiu!” einfügen. Dieses Mindik, welches uns umsorgt hat, uns abgesichert hat, uns beschenkt hat uns geliebt hat, uns über 5 Bergrücken gebracht hat und wieder zurück, uns Wege über Wasser und Abgründe gebaut hat, uns am Ende mit all seinen Armen, inklusive dem Wetter zum Bleiben und Bleiben zwang, das Mindik welches uns nun am Morgen der endlichen Abreise wieder einmal 3 Stunden warten lässt, hoffen lässt und letztendlich schon eben fast zum Beten zwingt.

Auf 7 Uhr war die Abreise angesetzt. 6 Uhr Frühstück. Gaity bring es pünktlich. Wer nicht kommt ist der Jeep-Driver und die Träger, die unseren ganzen Kram einen kleinen Hang ins obere Village schleppen müssen, wo der Jeep in seiner Garage steht und beladen werden muss. Wir schleppen selbst mit Hilfe der Dorffrauen unseren ganzen Plunder auf des Drivers Hof.

Die Künstlergruppe Mangan25 - Auf dem Hof des Drivers
Die Künstlergruppe Mangan25 – Auf dem Hof des Drivers (© Peter Adler)
Also, wir könnten dann mal - Warten auf die Abreise
Also, wir könnten dann mal – Warten auf die Abreise (© Momo Kohlschmidt)
Die Geister bezirzten - Vielleicht mögen sie ja Musik.
Die Geister bezirzen – Vielleicht mögen sie ja Musik. (© Momo Kohlschmidt)
Rauchen kann vielleicht auch helfen - Hoffentlich reichen die Zigaretten
Rauchen kann vielleicht auch helfen – Hoffentlich reichen die Zigaretten (© Momo Kohlschmidt)

Die Message seiner Frau ist, er sei noch beim Reisschälen im Dorf, kommt aber gleich.
Wir hatte am Abend zuvor besprochen, dass uns der Peace-Officer und 5 weitere Männer bis Pindiu begleiten werden, um den Jeep, wenn nötig durch die schlechte Straße zu schieben oder zu ziehen. Wir kannten ja den Weg Junzaing – Mindik von unserer Anreise. Ein Achtstundenritt durch Schlamm und tiefe Mariannengräben, der seines Gleichen noch sucht. Hilfe war da absolut nötig. Immerhin trudelten nun schon einige der Männer ein. Der Peace-Officer begrüßte uns.
Dem Hoffen folgte Freude. Ja, wenn die jetzt alle kommen, geht es tatsächlich heute los.
In der Garage des Drivers stehen zwei Jeeps. Ein weißer alter, den wir auf der ersten Fahrt benutzt hatten und ein neuer blauer Jeep, der Barras, dem Shopbesitzer und Bruder des Drivers gehört. Irgendwie wird noch herumgeschraubt an dem blauen Jeep. Man hört deutlich größeres Werkzeug in der Garage klappern. Egal, nur losfahren bitte!!!
Der Driver kommt. Es ist 8.30 Uhr. Er holt das Gefährt aus der Garage. Wir sind erstaunt. Vor uns steht ein pompös, mit Geweih, Federn, bunten Blumenketten, farbigen Kabelbindern und einer überdimensionalen Lampenorgel a la “Love Parade” auf dem Dach, ausgestattetes Geschoss. Barras’s Statussymbol, sein Spielzeug. Wow!!! Hoffentlich fährt der auch so, ich sage mal vielseitig, wie er aussieht.

Wir beladen den Jeep und werden dann zu Fuß in das nächst höher gelegene Dorf über Mindik-Station geschickt. Wir merken schnell, dass dieses Manöver nicht mit der schlechten Straße zu tun haben kann. Es ist nur eine Möglichkeit uns drämmelnden Weißen etwas Ablenkung zu geben und ihnen Zeit das Sperrdifferenzial am Jeep zu reparieren.

9.30 Uhr - Warten - Warten - Warten! - Im Dorf über Mindik-Station
9.30 Uhr – Warten – Warten – Warten! – Im Dorf über Mindik-Station (© Momo Kohlschmidt)
Unter Beobachtung - Ganz rechts unser Peace-Officer
Unter Beobachtung – Ganz rechts unser Peace-Officer (© Momo Kohlschmidt)
Wir warten gemeinsam - Die einen warten auf den Jeep, die anderen auf das Öffnen des Shops.
Wir warten gemeinsam – Die einen warten auf den Jeep, die anderen auf das Öffnen des Shops. (© Momo Kohlschmidt)

Im Dorf oberhalb von Mindik sind wir recht schnell. Wir setzen uns in die Dorfmitte. Lassen uns einmal mehr von den Einwohnern bestaunen und hoffen weiter, dass wir bald auf diesem blauen Wunder sitzen, welches uns raus aus der Regenzeit, rein in die Trockenzeit – raus aus dem Warten, rein in die Arbeit – raus aus Mindik und runter an den Pazifik bringt.
10 Uhr – der Jeep schraubt sich die rote Dorfstraße hoch, uns entgegen. Der Driver bittet eilig ums Aufsitzen. Nun soll doch alles ganz schnell gehen. Aber der Jeep ist schon voll. Da sitzen schon in etwa 10 Nuiginis drauf. Egal, wir verabschieden uns. Halten uns. Küssen uns. Springen auf die Höllenmaschine und drängeln uns einen Platz frei der einigermaßen komfortabel erscheint. Das große Winken und Rufen, die Traurigkeit und die Freude surfen im Dust of the Road in Richtung Pazifik.

Der letzte Blick auf Mindik-Station
Der letzte Blick auf Mindik-Station (© Momo Kohlschmidt)

Wir sind 19 Leute auf dem Jeep. Zur Sicherheit einige mehr als verabredet. Jetzt erst sehen wir, dass aus der Bauchtasche des Peace-Officers der Lauf einer Pistole rausschaut. Ich frage nach. Der Peace-Officer nickt stumm. Kein weiterer Kommentar.

Nun kommt das, was wir schon gut von der Hinreise kennen. Schlamm, Gräben, Geröll, Löcher, Abgründe und ein unglaublicher Fahrer, der diesen Jeep mit seiner Crew auch den Nanga Parbat hoch jagen würde, wenn der Gipfel das Ziel wäre. Sie schaufeln und ziehen, schleppen Steine und Stöcker, stehen bis zu den Knien im Schlamm. Wo nehmen sie ihre Kraft her? Kommen wir tatsächlich ein zweites Mal durch diesen Irrsinn?
Der Jeep fährt streckenweise in einer derartigen Schieflage, dass ich nun doch meine Angst, dass der Jeep umkippen könnte, kundtue. Sie beruhigen mich. Können es nicht ausschließen, aber erklären mir, dass der Fahrer der Beste sei und der Jeep so gut beladen, dass er nicht kippen könnte. Mir reicht die Argumentation natürlich nicht. Meine Fantasie ist zu groß. Ich habe ein klares Bild von einem kippendem Jeep im Kopf. Natürlich fällt der Jeep auf mich drauf und zerquetscht mich. Ich werde vom Rand in die Mitte der Ladefläche gesetzt, damit ich die Neigung nicht so stark spüre. Ich gebe Ruhe.
Wir haben keine Möglichkeiten uns am Auto festzuhalten. Wir greifen nach uns selbst. Halten uns gegenseitig an Händen, Beinen, Armen und Schultern und fliegen als große amorphe Masse über die Ladefläche. Permanente Anspannung in den Gliedern und das Gefühl der Schläge gegen Hintern, Steiß, Rücken, Ellenbogen und Knie.

United - Die Mannschaft
United – Die Mannschaft (© Frederik Schmid)
Nichts ist unmöglich! TOYOTA!!!
Nichts ist unmöglich! TOYOTA!!! (© Frederik Schmid)
Big Foot
Big Foot (© Momo Kohlschmidt)
Der Driver
The Driver (© Frederik Schmid)
"Festgefahren" die Vierte!
“Festgefahren” die Vierte! (© Momo Kohlschmidt)
Straßenbau auf Niuginisch - Steine zertrümmern
Straßenbau auf niuginisch – Steine zertrümmern (© Momo Kohlschmidt)
Wo ein Wille, da ein Weg ... oder besser umgekehrt.
Wo ein Wille, da ein Weg … oder besser umgekehrt. (© Momo Kohlschmidt)
Da können die schmächtigen Weißen nur staunen.
Da können die schmächtigen Weißen nur staunen. (© Momo Kohlschmidt)
Peter kann nicht tatenlos zusehen.
Peter kann nicht tatenlos zusehen. (© Momo Kohlschmidt)
Die Band hat da keine Probleme dem Treiben am Bandbus zu zu sehen.
Die Band hat da keine Probleme dem Treiben am Bandbus zu zu sehen. (© Frederik Schmid)
Die Discoschüssel ist einmal mehr aus dem Dreck gezogen. Weiter geht's!
Die Discoschüssel ist einmal mehr aus dem Dreck gezogen. Weiter geht’s! (© Momo Kohlschmidt)
Barras - Der Jeepbesitzer
Barras – Der Jeepbesitzer (© Momo Kohlschmidt)
Gais und Gaity unsere Giudes tuen mit ihren Männern alles um uns save nach Heldbach zu bringen.
Gais und Gaity unsere Giudes tun mit ihren Männern alles um uns save nach Heldsbach zu bringen. (© Momo Kohlschmidt)

Es fängt an zu dämmern und wir überqueren den Mongi River, der die Grenze zwischen Pindiu und Guandeng bildet. Hier gibt es seit einigen Monaten Unruhen in dessen Geschichte Tote zu beklagen sind. Unter anderem ein Peace-Officer. Die Regierung zog daraufhin alle Regierungsposten aus dem Gebiet ab und überließ das Konfliktgebiet seinem Schicksal. Seitdem leben hier Banden autonom und machen immer mal wieder Beute an der Durchfahrtsstraße Mindik – Heldsbach. Beute meint eher materielle Dinge. Leben zählt hier nicht viel. Dem wird sich eher schnell entledigt.

Es dämmert und nebelt - Jetzt muss alles sehr schnell gehen.
Es dämmert und nebelt – Jetzt muss alles sehr schnell gehen. (© Frederik Schmid)
Angespanntes Warten im Konfliktgebiet.
Angespanntes Warten im Konfliktgebiet. (© Peter Adler)

Als wir vor 2 Wochen durch dieses Gebiet aus Heldsbach kommend fuhren, konnten wir eine leichte Anspannung unseres Guides Pastor Gais bemerken. Er vermied in diesem Gebiet das Kauen von Bethelnüssen. Aber diesmal schwingt hier eindeutig eine andere Angespanntheit unter unseren Mindiker Männern mit. Der Peace-Officer hatte seine Uniform aus der Tasche geholt und trägt sie jetzt, die Hand an der Pistole. Es wird kaum gesprochen. Die Blicke der Männer gehen den Hang hinauf. Ausschau nach dem Feind. Wenn der Jeep stecken bleibt und die Hilfe der Männer benötigt wird muss alles ganz schnell gehen. Bloß nicht lange stehen bleiben. Wir müssen rollen. In Bewegung bleiben. Keiner darf sich vom Jeep entfernen. Zusätzlich wird dieser Berghang gerade von einer Wolke einverleibt. Alles ist nebelig. Das Tageslicht schwindet. Gais sagt, diese Situation ist eine zu günstige für Angriffe. Nun reden auch wir Manganer nicht mehr. Ich erwische mich dabei, wie ich mein Gesicht unter meinem Hut verstecke. Ich möchte von oben nicht als weiße Frau erkannt werden. Der Buschfunk hatte unsere baldige Durchfahrt durch dieses Gebiet längst in alle Täler und an alle Hänge gebracht. Man wusste also, dass es um das Wochenende herum einen Transport mit weißen Künstlern in Richtung Heldsbach geben wird. Wir wählten den Sonntag. Der günstigste Tag, sagt Gais später. Da am Freitag und Samstag gerne Alkohol getrunken und gefeiert wird, liegen am Sonntag alle eher müde flach. Alle unsündigen sitzen am Sonntag in der Kirche.
Gais und der Peace-Officer konnten im Vorfeld mit uns nicht konkret über die Gefahr in diesem Gebiet sprechen. Sie wollten uns nicht verunsichern, aber trotzdem schützen. Deshalb haben sie die Männer, die uns begleiteten einfach aufgestockt. Sie wollten, dass wir eine große und damit abschreckende Gruppe auf dem Jeep sind.
Als die Dunkelheit das Tageslicht besiegt hat, erreichen wir langsam ein etwas sichereres Gebiet. Wir passieren Junzaing und rufen und grüßen laut in die Nacht, in der Hoffnung, Pastor Dick und die Dorfbewohner können uns hören. Auch sie wussten, dass wir jetzt auf dem Weg nach Heldsbach sind und irgendwann an ihrem Dorf vorbeifahren werden.
Der Jeep braucht nun ganz klar Licht zum Fahren. Lukasz, der vorn im Auto sitzt, muss dem Driver helfen die Discolampen am Jeep halbwegs zu einer brauchbaren Beleuchtung umzufunktionieren. Sie sehen spektakulär aus, aber um eine Straßenführung anzuzeigen sind sie völlig ungeeignet. Auf dem Dach des Jeeps sitzen zusätzlich drei Männer, die mit ihren Taschenlampen praktisch das Kurvenlicht übernehmen. Weiter geht’s.

Immer mal wieder steckt der Jeep fest. Alle müssen runter, schippen und ziehen. Im Dunkeln hat die Situation etwas tief surreales. Bunte Lampen lassen den Jeep wie ein UFO oder eine Lore unter Tage aussehen und die Männer mit ihren schwarzen Schatten wie Grubenarbeiter.

UFO oder Kohlegrube? - Den Jeep in kompletter Dunkelheit ausgraben.
UFO oder Kohlegrube? – Den Jeep in kompletter Dunkelheit ausgraben. (© Lukasz Majka)

Um so näher wir der Küste kommen, desto wärmer und tropischer wird die Luft. Wir ziehen unsere Jacken aus und atmen tief das erste Salz in der schwarzen Nachtluft ein. Schwärme von Glühwürmchen begleiten uns wie Irrlichter nun schon seit etwa einer Stunde auf dem Dschungelpfad. Man glaubt ständig Sternschnuppen zu sehen. Sie fliegen hinter dem Jeep her oder hängen in ganzen Gruppen rechts oder links des Weges in den Büschen und beschauen uns.

Wir passieren Sattelberg und können nun unseren schmerzenden Gliedern versprechen, dass es nur noch ca. 30 min dauern kann, bis wir Heldsbach erreichen. Erleichterung macht sich breit. Peter hat es geschafft sich in den letzten Kilometern in eine Liegeposition zu ruckeln. Er liegt neben mir und ich kontrolliere immer mal wieder unauffällig, dass er nicht einschläft und vom Jeep fällt.

Es ist 21 Uhr. Eine donnernde Brücke, über die wir fahren, ist für uns das Ortseingangsschild HELDSBACH. Als wir Heldsbach einst verließen, donnerten wir über eben diese Brücke. Das Geräusch blieb uns in Erinnerung.

Heldsbach hat uns wieder. Wie schön. Wir beziehen unser Quartier. Diesmal ein anderes als beim letzten Aufenthalt. Unser altes Quartier ist besetzt. Egal. Hier ist es auch gut. Fließendes Wasser, Strom aus der Wand, eine Küche und eine Terrasse, die einen schönen Blick auf den Pazifik freigibt.

Wir bedanken uns bei der Crew, bei Gais, bei Gaity und natürlich dem unglaublichen Driver. 11 Stunden ritten wir gemeinsam den Jeep. Alle bleiben nun, bis wir Heldsbach verlassen hier mit uns im Ort. Walter kommt, um uns willkommen zu heißen und zu herzen. Er ist froh, dass wir wieder in Sicherheit sind. Und als wir ins Haus gehen und die Küche betreten, steht da Pastor Dick aus Junzaing, der ebenfalls nach Heldsbach gekommen ist, um mit uns die letzten Tage zu verbringen. Unsere Pastoren sind nun alle mit uns. Wir sind gerührt.

Der Mangan-Bungalow in Heldsbach
Der Mangan-Bungalow in Heldsbach (© Momo Kohlschmidt)
Der Morgen danach - Die erste Zigarette und Kaffee in der neuen Unterkunft. - Kai-Uwe Kohlschmidt
Der Morgen danach – Die erste Zigarette und Kaffee in der neuen Unterkunft. – Kai-Uwe Kohlschmidt (© Momo Kohlschmidt)
Mark Chaet und Peter Adler
Mark Chaet und Peter Adler (© Momo Kohlschmidt)
Das Filmteam - Lukasz Majka und Steffen Cieplik
Das Filmteam – Lukasz Majka und Steffen Cieplik (© Momo Kohlschmidt)
H E L D S B A C H !!!!!
H E L D S B A C H !!!!! (© Momo Kohlschmidt)

Heute ist Waschtag. Alle versuchen den Schlamm und den Rauchgeruch der Mindiker Räucherhütten aus der Kleidung und den Schuhen zu waschen. Der Geruch ist hartnäckig. Ich habe die gute alte Kernseife dabei. Die muss es bringen.

1 Kommentar zu „Ok, sorry! – Tenkiu! – Heldsbach hat uns wieder!“

  1. Arta Adler

    Mann, mann, mann (<---Message an Rübe bitte)- bin ich froh, dass Ihr das geschafft habt. Was heißt Ihr? - Natürlich das ganze Team aus länder- und kontinentübergreifenden Mitstreitern. Ein kleines Aufatmen hier in Deutschland, wenn auch gesagt sein muss- was wäre solche Reise ohne die Gefahr, ohne das wirkliche Da-Sein, ohne das Aussetzen? Wovon wollte man berichten, worauf schöpfen im kreativen Prozess späterhin? Für mich gilt- auch Reisen muss gelernt werden, ehe es zur Sucht wird

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